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Schaubühnen-Leiter Ostermeier trickste Chinas Zensoren aus

Ostermeiers Gastspiel "Ein Volksfeind" wurde in Peking aufgeführt APA (AFP)
Ostermeiers Gastspiel "Ein Volksfeind" wurde in Peking aufgeführt

Mit beredtem Schweigen hat Thomas Ostermeier die Zensoren in China ausgetrickst. Der 50-jährige Chef der Berliner Schaubühne sagte der Nachrichtenagentur AFP, die chinesischen Behörden hätten bei seinem Gastspiel von Henrik Ibsens Stück "Ein Volksfeind" in der Pekingoper Anfang September "alles getan, um einen Skandal zu vermeiden".

Zu Ostermeiers Inszenierung gehört eine Diskussion mit dem Publikum. Bei der ersten Aufführung nutzten Zuschauer dies, um Meinungsfreiheit einzufordern und über Unterdrückung zu berichten. "Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Flächenbrand in den sozialen Medien", sagte Ostermeier, der derzeit an der Pariser Comedie Francaise Shakespeare inszeniert. Die chinesischen Behörden hätten daraufhin im Internet "alles gelöscht" und die Streichung der Publikumsdiskussion verlangt, sagte der Regisseur. Deshalb habe er sich für einen Kniff entschieden. Bei der zweiten Aufführung in Peking sei dem Publikum mitgeteilt worden: "Wir hätten gerne eine Diskussion mit Ihnen geführt, aber der dafür vorgesehene Schauspieler hat seine Stimme verloren. Ist Ihnen das auch schon einmal passiert?"

Anschließend sei die ganze Schauspieltruppe auf die Bühne gekommen und habe zwei Minuten lang geschwiegen. "Das Publikum hat sofort verstanden", sagte Ostermeier. "Einige Zuschauer haben dann lautstark für die Meinungsfreiheit und für andere individuelle Freiheiten plädiert."

Weitere Aufführungen des "Volksfeinds" im ostchinesischen Nanjing wurden daraufhin abgesagt - angeblich wegen "technischer Probleme". Ostermeier berichtete weiter, er habe ursprünglich gedacht, die chinesischen Behörden hätten mit der Einladung an die Schaubühne ihre Offenheit demonstrieren wollen. "Dann haben wir verstanden, dass sie das Stück vorher nicht gesehen hatten und aus ihrer Sicht ein Fehler gemacht worden war."

In dem Stück des norwegischen Dramatikers Ibsen von 1882 geht es um einen Arzt, der entdeckt, dass das Heilwasser seines Heimatorts verseucht ist. Sein eigener Bruder will als Stadtrat jedoch einen Skandal vermeiden und zieht auch die Presse auf seine Seite. Ostermeier hat die Inszenierung bereits in rund 40 Ländern gezeigt.

(APA/ag.)

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