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Schleinzers "Angelo" feierte Europapremiere in San Sebastian

Der Regisseur weiß, dass "Angelo" ein unbequemer Film ist APA (GETTY IMAGES NORTH AMERICA)
Der Regisseur weiß, dass "Angelo" ein unbequemer Film ist

Der Wiener Regisseur Markus Schleinzer feierte am Dienstagabend auf dem 66. Internationalen Filmfestival von San Sebastian die Europapremiere seines Spielfilms "Angelo". Der große Beifall des Publikums blieb aus. Mit dem hatte Schleinzer allerdings auch gar nicht gerechnet.

"Ich habe nichts gegen Entertainmentfilme. An der leichten Unterhaltung war ich mit 'Angelo' aber nicht interessiert. Mein Film ist mit Sicherheit keiner, der im Geschenkpapier daherkommt und leicht runtergeht. Aber es ist auch kein Film, den man schnell vergessen wird", erklärte der Wiener Regisseur am Rande des Filmfestivals im Gespräch mit der APA.

Schleinzer erzählt die Geschichte der bekannten Wiener Stadtlegende Angelo Soliman (1721-1796), der als kleiner Bub in Afrika von Sklavenhändlern eingefangen und nach Europa gebracht wurde, wo er schließlich in Wien als "Hofmohr" lebte und ausgestopft im kaiserlichen Naturkundemuseum in einem Ausstellungskasten endete.

Auch für den deutschen Filmkritiker Wolfgang Hamdorf war die Reaktion des Publikums vorhersehbar. Mit Sicherheit hätten viele Leute einen historischen Kostümfilm über Sklaverei erwartet. "Doch Schleinzer vermittelt keinen plakativen Rassismus mit Sklaverei und Unterdrückung, sondern einen für Kinozuschauer vielleicht weniger spektakulären, nicht einfach sichtbaren Rassismus, der darin besteht, den Andersfarbigen lediglich als etwas Besonderes, etwas Exotisches anzusehen. Doch genau hier liegt das Originelle des Films", so der Filmkritiker vom Deutschlandradio und dem deutschen Film-Dienst.

Es sei ein langsamer, kein leicht verständlicher und zugänglicher Film, in dem zudem wenig gesprochen werde. Doch wenn etwas gesagt wird, handle es sich um enorm wichtige Sätze, so Wolfgang Hamdorf zur APA. "Es ist auch ein sehr unbequemer Film. Nicht nur von der Thematik, sondern vor allem auch vom ästhetischen Format". Der Wiener Regisseur wählte bewusst das klassische, eckige 4:3 TV-Format, um das Eingesperrtsein Angelos auch auf visueller Ebene zu vermitteln. "Mir hat das gefallen. Der Film wirkt dadurch sehr piktographisch. Gemäldeartige Bilder", meint Hamdorf.

Für Ricardo Aldarondo von der spanischen Zeitung El Diario Vasco ist Schleinzers "Angelo" gar "ein visuelles Spektakel mit Momenten großer Schönheit, das einen zwingt, sich an die Stille zu gewöhnen". Das Format und der Rhythmus des Films würden zudem perfekt zum gesellschaftlichen Korsett der damaligen Zeit passen. "Der Film ist wunderbar gedreht, meistens im natürlichen Kerzenlicht. Eine ganz besondere Stimmung", so Ricardo Aldarondo.

"Angelo ist ein sehr persönlicher Blick auf die Sklaverei, den Imperialismus, den Klassenkampf und wie wir in Europa auch heute noch Fremde sehen und behandeln. Markus Schleinzer erzählt dies auf eine sehr originelle und filmtechnisch sehr potente Weise", erklärte Festivaldirektor Jose Luis Rebordinos im Gespräch mit der APA.

Für ihn sei Markus Schleinzer ein Regisseur mit einem sehr speziellen Gefühl fürs Kino, der uns in Zukunft noch sehr viel Freude bereiten werde. Er gehöre einer neuen, sehr interessanten Generation von jungen österreichischen Filmemachern an, die international immer mehr Aufmerksamkeit erregen würde. Aus diesem Grunde hätte man in den vergangenen Jahren auch immer wieder österreichische Filmemacher im offiziellen Festivalwettbewerb wie Barbara Albert mit ihrem Historienfilm "Licht" oder Michael Sturminger mit "Casanova Variations" gehabt.

Markus Schleinzers "Angelo" ist ein tiefsinniges, vielschichtiges Gesellschaftsessay über "Identität, Fremde, Isolation, Integration, Einsamkeit, über die Selbstherrlichkeit unserer Gesellschaft, die Selbstherrlichkeit unserer Rasse", wie der Wiener Regisseur selber erklärt. So hat er bewusst eine sehr schweigsame Hauptfigur geschaffen, die eher die anderen Figuren reden lässt und fragen lässt, um somit zu einer Art Spiegel zu werden, die anderen darzustellen.

"Der Umgang mit den sogenannten Anderen und Außenseitern ist eine Art Seismograph für unsere Gesellschaft und obwohl die Geschichte im 18. Jahrhundert spielt, scheint sie extrem aktuell zu sein", erklärt Markus Schleinzer. "Ein Film, der wichtige Frage im Zuge der aktuellen Flüchtlingsdebatte aufwirft", meint auch Filmkritiker Ricardo Aldarondo.

Der von der Wiener Novotny & Novotny und Amour fou koproduzierte "Angelo" befindet sich im spanischen San Sebastian im Wettkampf um die "Goldene Muschel", die am Samstag vergeben wird, und startet am 9. November in den österreichischen Kinos.

(APA)

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