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Schlepper setzen auf Überweisungssystem Hawala

Hawala ist ein sehr altes informelles Überweisungssystem, das im Orient entwickelt wurde und über Vertrauenspersonen funktioniert. Ermittlungen des Büros gegen Schlepperei haben nun den Beweis erbracht, dass Menschenschmuggler das System verstärkt nutzen. In Wien wurde heuer der Betreiber eines Handyshops als Hawala-Banker identifiziert, sagte Schlepperbekämpfer Gerald Tatzgern der APA.

Der mittlerweile festgenommene Iraker soll in einem Jahr Transaktionen über eine Million Euro weiter befördert haben. Das System funktioniert denkbar einfach: Flüchtlinge, die Schlepper nutzen oder von ihnen angeworben werden, zahlen in dem Land, von dem sie starten, die Gebühr für den Transport an einen Hawala-Banker und bekommen dafür einen bestimmten Code. In den Ziel- bzw. Durchgangsländern gibt es andere Hawala-Banker, die für den Betrag auszahlungsberechtigt bzw. verpflichtet sind, wenn ihnen jemand den Code bringt. Alle, die an dem illegalen Transport beteiligt sind, bekommen dieses Kennwort ebenfalls und können sich an den jeweiligen Banker wenden, um ihren Anteil an dem Transport zu bekommen. Die Hawala-Banker rechnen untereinander ab und behalten natürlich eine Provision ein.

"Das funktioniert wie die Geldtransfer-Büros auf alt", sagte Tatzgern. Der Vorteil: Es gibt wenig Nachverfolgbares für die Ermittler. Konten existieren nicht, nur die - handschriftliche - Buchführung. Auf genau diese stießen die Ermittler bei dem in Wien erwischten Hawala-Banker. Dieser war in den Ermittlungen im Zuge der Operation "Ranscho" aufgeflogen, die im März präsentiert worden war. Die Ermittler hatten den Handyshop-Betreiber als "normales" Mitglied der Schlepperorganisation im Visier. Bei einer Durchsuchung des Shops entdeckten sie aber die Bücher des Mannes, in denen er alle Geldtransaktionen vermerkt hatte.

Die Kriminalisten fanden nach und nach heraus, wie das System funktioniert. Solche Banker sitzen demnach in ganz Europa, allein in Wien möglicherweise mehr als 20. Die Frage war aber auch, wie diese an die für die Auszahlung der Beträge notwendigen Barmittel kommen. Tatzgern zufolge werden diese in bar durch den Kontinent transportiert. In einem Fall gab es einen solchen Transport mit sechs Millionen Euro und einer Million US-Dollar (849.401,17 Euro). Naheliegend sei, so der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels im Bundeskriminalamt (BK), dass es Bunker gibt, aus denen die Banker die Mittel beziehen können, wenn sie jemanden ausbezahlen.

Die für den Transport verantwortlichen Mitglieder der Schlepperorganisation bringen dem Banker den Nachweis, dass sie ihre Leistung erbracht wurde - sprich: Geschleppte an einem bestimmten Ort abgeliefert haben -, und bekommen von diesem gegen den Vorweis des Codes ihr Honorar. Tatzgern machte in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass das System auch für die Flüchtlinge ein gewisses Maß an Schutz darstelle. Denn der Banker muss auf seinen Ruf achten: Bei Misserfolg gibt es das Geld zurück.

Nicht zuletzt deshalb seien Schlepper, die nach diesem Bezahlsystem arbeiten, im Umgang mit den ihnen anvertrauten Flüchtlingen um einiges vorsichtiger als zum Beispiel die Bande, die 71 Flüchtlinge in einem Kühl-Lkw ohne ausreichende Luftzufuhr sterben ließ und den Lastwagen auf der A4 bei Parndorf abstellte. In diesem Fall hatten die Flüchtlinge das gesamte Geld für den Transport im Voraus der Organisation ausgehändigt.

Anfang Oktober will das Joint Operational Office against Human Smuggling Networks (JOO) in Palermo in einem Workshop Staatsanwälte aus der EU über dieses Geschäftsmodell informieren. Palermo ist nicht zufällig gewählt, sagte Tatzgern: "Das System wird mit Sicherheit auch auf der Mittelmeerroute angewendet." Thema des Workshops ist unter anderem, wie man ein Hawalabuch als solches erkennt.

Schwierig ist auch die Rechtslage, weil Hawala-Banker solche Geschäfte nicht nur für Schlepper abwickeln, sondern auch ganz "normale" Transaktionen durchführen. Dementsprechend ist für die Ermittler in Österreich zum Beispiel analog zur Geldwäsche eine Vortat nachzuweisen. Dazu kommt der Verdacht der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation. Und das bei Transaktionen, bei denen so gut wie keine Spuren hinterlassen werden.

(APA)

Aufgerufen am 13.12.2018 um 09:17 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/schlepper-setzen-auf-ueberweisungssystem-hawala-60280945

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