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Schlepperei: Das Geschäft mit Tod und Freiheit

Tausende Menschen suchen jährlich über das Mittelmeer den Weg nach Europa, unzählige von ihnen bezahlen diese Suche nach einem menschenwürdigen Leben mit dem Tod. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Schlepper – als Ermöglicher, Helden oder gnadenlose Tyrannen.

600.000 Menschen landeten 2014 auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Tod oder wirtschaftlicher Aussichtslosigkeit in der EU. Mehr als jeder Dritte davon trat den erhofften Weg in ein besseres Leben laut Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen (UNHCR) über das Mittelmeer an. Die Folgen sind hinreichend bekannt: Über 3.500 Menschen sind im Vorjahr im Mittelmeer gestorben oder verschwunden – das tödlichste Jahr bisher. Tendenz steigend: Bis Ende April diesen Jahres ist das Mittelmeer erneut Grab für 1.800 Flüchtlinge geworden. Die Dunkelziffer liegt noch um einiges höher.

Festung Europa: EU macht Grenzen dicht

Die Reaktion der EU ist streitbar. Das ohnehin umstrittene Grenzschutzprogramm der EU, Frontex, wurde mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet. Anstatt das humanitär orientierte „Mare Nostrum“-Programm der italienischen Marine zu übernehmen, werden die Grenzen so noch dichter gemacht. Einerseits will man mit dem Programm Triton auch den Hintermännern des Sterbens im Mittelmeer – den Schleppern – an den Kragen. Andererseits verschaffen gut bewachte Grenzen den Menschenschmugglern das Geschäft. Warum das?

Eine Rettungsaktion im Mittelmeer./APA/epa/Pao Salzburg24
Eine Rettungsaktion im Mittelmeer./APA/epa/Pao

Konjunkturprogramm für Schlepper

Per Genfer Konvention hat jeder Mensch das Recht, in einem Land um Schutz vor Verfolgung – um Asyl – anzusuchen. Das ist allerdings nur in den Ländern selbst möglich. Um also in Österreich oder einem anderen EU-Land um Asyl ansuchen zu können, muss man erst in das Land kommen. Weil es Flüchtlingen in den meisten Fällen nicht möglich ist, ein reguläres Visum zu bekommen, können sie nur illegal in das Land kommen. Ein Zustand, den man rechtlich gesehen getrost als schizophren bezeichnen kann. Man muss etwas Illegales tun, um einen legalen Status erreichen zu können. Hier kommen die Schlepper ins Spiel. Sie ermöglichen die illegale Einreise und umso stärker die Grenzkontrollen, umso höhere Preise können für die Schleusung verlangt werden. „Ein Konjunkturprogramm für die Schlepperindustrie“, nannte das Karl Kopp von Pro Asyl in einem Interview mit Arte.

Eine sehenswerte Dokumentation zu dem Thema:

Hochspezialisiertes Geschäft

Aber wer sind die Schlepper? Wie skrupellos sind sie, wie viel Geschäft ist möglich und wie sind sie organisiert? Der Menschenschmuggel ist durchorganisiert, die einzelnen Unternehmer dieser Schattenindustrie sind hoch spezialisiert und können auf professionelle Strukturen zurückgreifen, wie etwa Thomas Müller-Schneider in einem wissenschaftlichen Artikel berichtet. Auf Änderungen im Grenzschutz wird laut dem UN-Büro für Drogen und Verbrechen (UNODC) schnell reagiert, Routen und Schmuggelmethoden angepasst.

Flüchtlinge setzen auf hoher See ein Notsignal ab./APA/epa/Kolesidis Salzburg24
Flüchtlinge setzen auf hoher See ein Notsignal ab./APA/epa/Kolesidis

Dabei gibt es meist nicht den einen Schlepper, sondern eine ganze Reihe von Jobs. Vom Anwerber, der in politisch und wirtschaftlich instabilen Gebieten um Kunden wirbt, über Dokumentenfälscher, Transporteure, Organisatoren und sogar Reisebegleiter bis hin zu den Köpfen der illegalen Unternehmen, die das Geschehen meist aus dem verfolgungssicheren Ausland leiten. Die Organisationen sind streng hierarchisch organisiert. Direkt an den Grenzen operieren in der Regel jene Personen, die in der Nahrungskette ganz unten stehen.

Milliardengeschäft Menschenschmuggel

Das Geschäft mit der Schleuserei brummt. Es handelt sich um die zweitgrößte Schwarzindustrie hinter dem Drogenhandel, berichten Andrea di Nicola und Giampaolo Musumeci in ihrem Buch „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“. Das Geschäftsvolumen liegt kolportierten Zahlen zufolge zwischen 3 und 20 Milliarden Euro, genaue Angaben sind wie in jeder Schattenwirtschaft schwierig. Damit stellt man das Bruttoinlandsprodukt zahlreicher ärmerer Staaten in den Schatten.

Welche Menschen sind Schlepper?

Schlepper sind in erster Linie Geschäftsleute. Geschäftsmänner, die clever sein müssen, wenn sie Geschäft machen wollen, so der Autor Giampaolo Musumeci. Offene, umgängliche Menschen seien diese. Sie würden sich selbst nicht als Verbrecher sehen, sondern handeln im Sinne der Mitmenschlichkeit. Schleuser, die leichtfertig mit den Leben ihrer Kunden umgehen, seien die Ausnahme, heißt es weiter. Ihre Reputation ist ihnen wichtig, schließlich hängt ihr Geschäft davon ab.

Gerettete Flüchtlinge in Italien./APA/epa/Fusco Salzburg24
Gerettete Flüchtlinge in Italien./APA/epa/Fusco

Das bringt ihnen zwischen dreistelligen und mittleren bis höheren fünfstelligen Euro-Beträgen pro Schleusung ein. Je nach Art der Grenze und Distanz. Flüchtlinge nehmen das in Kauf. „Für Flüchtlinge sind die Schlepper Helden“, so Musumeci. Denn Schlepper ermöglichen ihnen, dorthin zu kommen, wo sie hin wollen. Durch die hohen Preise seien Kunden etwa im Fall von Syrien häufig wohlhabendere Leute, schilderte Autorin und Journalistin Livia Klingl kürzlich bei einer Diskussionsveranstaltung in Salzburg. Für ärmere gibt es ein „wandere sofort, bezahle später“-Modell. Geschleuste müssen dann ihre Schulden bei den Schleppern – oft illegal – abarbeiten. Das dauert laut Müller-Schneider im Schnitt zwischen drei und fünf Jahren.

Ein Versuch von Flüchtlingen über die spanische Enklave Melilla nach Europa zu kommen - so kann die gefährliche Mittelmeerroute vermieden werden./APA/epa/Riios Salzburg24
Ein Versuch von Flüchtlingen über die spanische Enklave Melilla nach Europa zu kommen - so kann die gefährliche Mittelmeerroute vermieden werden./APA/epa/Riios

Können Menschenschmuggler bekämpft werden?

Wie kann Schlepperei im Endeffekt bekämpft werden? Wenn die EU von Schlägen gegen Schlepper spricht, stellt sich die Frage, wen man trifft. Nimmt man die Köpfe raus und steht nicht sowieso schon die Konkurrenz in den Startlöchern, um den Bedarf zu bedienen? Im Endeffekt bieten sich zwei Möglichkeiten an: Migranten einen legalen Weg nach Europa bieten und so Schleusern das Geschäft abzugraben. Und natürlich die Herkunftsländer zu unterstützen, um wirtschaftlich und politisch einen stabilen Weg einzuschlagen. Nur dort können Ursachen behoben werden, alles andere ist Symptom-Bekämpfung. Diese Aufgabe wird unsere Gesellschaft noch lange beschäftigen.

Quellen:

Andrea Di Nicola & Giampaolo Musumeci: Bekenntnisse eines Menschenhändlers.

Arte: Festung Europa – Frontex: Einsatz gegen Flüchtlinge.

Thomas Müller-Schneider: Einschleusung von Migranten.

UNHCR: Sea Arrivals to Southern Europe.

UNODC: Migrant Smuggling FAQs.

Zeit Online: „Für Flüchtlinge sind Schlepper Helden.“

(Quelle: S24)

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