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Schmidtke sprang statt Slagmuylder bei Theater der Welt ein

Fliegende Übernahme des frei gewordenen Postens APA
Fliegende Übernahme des frei gewordenen Postens

Stefan Schmidtke ist statt Christophe Slagmuylder neuer Programmdirektor des Festivals Theater der Welt. Der frühere Kurator, Schauspielchef und Dramaturg der Wiener Festwochen hat Ende September den in Düsseldorf freigewordenen Posten vom nunmehrigen Festwochen-Intendanten fliegend übernommen. "Ich bin aus Solidarität und Professionalität eingesprungen", sagt Schmidtke im Gespräch mit der APA.

Dass der Düsseldorfer Generalintendant Wilfried Schulz, dessen Haus das triennal in jeweils einer anderen deutschen Stadt veranstaltete Festival 2020 ausrichtet, ausgerechnet Schmidtke anrief, als klar war, dass Slagmuylder seinen Vertrag zurücklegen wird, um nach Wien zu wechseln, dürfte mehrere Gründe haben. "Mit Herrn Schulz verbindet mich eine tolle Erfahrung: Wir haben in Hannover 2006/7 das damals weggesparte Festival 'Theaterformen' neu gegründet. Er ist ein Intendant, der weiß, was es heißt, ein Festival im Haus zu haben", sagt Schmidtke.

Ein anderer Grund dürfte die Ortskenntnis des in Mittelsachsen geborenen 50-Jährigen sein: 2011 bis 2014 arbeitete er als leitender Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus. Er weiß daher genau, was ihn erwartet: "Düsseldorf ist neben Berlin die einzige deutsche Großstadt, die in den vergangenen sieben Jahren einen kompletten innerstädtischen Gestaltwechsel erfahren hat. Die Stadt verwandelt sich rasant. Das Nachkriegs-Düsseldorf gibt es nicht mehr." Warum ist das für seine Programmarbeit von Bedeutung? "Im Vergleich zu den Wiener Festwochen spielt Europa bei Theater der Welt eine durchaus untergeordnete Rolle. Es geht darum, die Kontinente zu betrachten, mit Europa als Ankerpunkt und der Stadt als Themengeber." Das Thema der Transformation dränge sich daher geradezu auf.

Durch die Kurzfristigkeit von Slagmuylders Abgang hat Schmidtke nur noch 14 Monate Zeit zu planen: Das Programm des von 14. bis 31. Mai 2020 über die Bühne gehenden Festivals soll Anfang 2020 stehen. Doch auch damals, als er im März 2014 bei den Wiener Festwochen für die kurzfristig ausgeschiedene Schauspieldirektorin Frie Leysen eingesprungen sei, habe er nur wenige Monate für die Programmplanung gehabt, sagt Schmidtke. Drei Mio. Euro Subvention erhält Theater der Welt, 10,4 Mio. Euro ließ dagegen die Stadt Wien zuletzt für die Festwochen springen. Doch der erfahrene Festivalkurator überrascht mit einer pointierten Aussage: "Die Festwochen sind in ihrer finanziellen Ausstattung seit langem stehen geblieben. Sie müssten mindestens fünf Millionen Euro mehr bekommen, um zukunftsfit zu sein."

In den beiden vergangenen Saisonen hatte Schmidtke nur noch Einzelprojekte für die Wiener Festwochen kuratiert. Dennoch lässt er sich nur höchst ungern zu einem Kommentar der vorzeitig gescheiterten Intendanz von Tomas Zierhofer-Kin bewegen. Nur so viel: "Zierhofer-Kin hat einen einzigen dramaturgischen Fehler gemacht, von dem ich hoffe, dass ihn der neue Intendant genau analysiert. Die Festwochen sind von ihrer Geschichte ein Universalfestival.

Dann haben sich aber verschiedene Sparten verabschiedet, es wurde die Viennale gegründet, das Festival ImpulsTanz, die Kunsthalle, Wien Modern und das Tanzquartier. Für mein Gefühl hat das Luc Bondy genau begriffen und aus den Festwochen ein Theater- und Opernfestival gemacht, das führende Theaterfestival Europas. Der Fehler Zierhofer-Kins war, zu glauben, dass er die anderen Sparten wieder zurückholen kann."

Dass er nach insgesamt neun Wien-Jahren zu neuen Ufern aufbrach, sei nicht an Zierhofer-Kin, sondern an Neil MacGregor gelegen, einem der Gründungsintendanten des Berliner Humboldt Forums, sagt Schmidtke. Das Museums- und Kommunikationszentrum im wiederaufgebauten Berliner Schloss sei eines der spannendsten Projekte Europas. "Nach dem Festival 'Theaterformen' und 'Tallinn Kulturhauptstadt Europas 2011' war das meine dritte komplette Neugründung." Aus dem Nichts habe er dort den Bereich Programm und Veranstaltungen aufgebaut. "Als ich in Berlin angekommen bin, hat man mich mit einem Laptop in einen Container gesetzt und gesagt: Machen Sie mal! Also habe ich zwei Jahre lang Pop-Up-Programming gemacht und die künftige Struktur des Programmbereichs aufgebaut."

Schon bisher seien mehrere Veranstaltungen pro Monat zu organisieren gewesen, nach der schrittweisen Eröffnung des Hauses, die von Ende 2019 bis Herbst 2021 geplant ist, sollen es zwischen 800 und 1.000 Veranstaltungen pro Jahr sein. Es gäbe insgesamt zehn Veranstaltungsräume, darunter große Säle mit 700 und 600 Plätzen und einen 7.000 Quadratmeter großen Hof, verdeutlicht Schmidtke die Größe eines Projekts, dessen zu bespielende Fläche doppelt so groß wie das Museumsquartier sei und für dessen Vollbetrieb rund 300 Angestellte notwendig sein werden. Diese Dimensionen seien ihm bei der Arbeit gelegentlich unwirklich vorgekommen: "Es war, als würden Sie ein Fahrrad im laufenden Betrieb in ein Flugzeug umbauen."

Derzeit sei er ständig auf Achse, erzählt Stefan Schmidtke, den die APA in Ipswich erreichte. Dem Humboldt Forum wird er jedoch auch künftig verbunden bleiben. "Es gibt keinen Abgang, aber mit 31.12. einen Vertragswechsel", betont er. Den neuen Generalintendanten Hartmut Dorgerloh wird er nach dem Aufbau der Strukturen beim Programm "international künstlerisch beraten". Gut möglich also, dass es dabei in der Programmierung zu Synergieeffekten zwischen Düsseldorf und Berlin kommen wird.

(APA)

(Quelle: S24)

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