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Spaniens "Empörte" besetzten erneut Madrider Zentrum

Zehntausende protestierten im Zentrum von Madrid Salzburg24
Zehntausende protestierten im Zentrum von Madrid

Fünf Jahre nach den historischen Protesten haben sich Spaniens "Empörte" am Sonntag erneut auf dem Puerta del Sol Platz im Zentrum der spanischen Hauptstadt Madrid versammelt. Zigtausende Spanier gedachten unter der Parole "Si se puede" ("Yes, we can") jenen Demonstrationen und Protestcamps vor fünf Jahren, die nicht nur Spaniens Gesellschaft, sondern auch die politische Landschaft veränderten.

Damals protestieren bis zu 40.000 Spanier in Madrid gegen die Parteien und deren Reaktion auf die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Missstände im Land. "Sie repräsentieren uns nicht", lautete damals die generelle Absage an sämtliche Parteien. Schnell verbreiteten sich die Proteste über das gesamte Land. Hunderttausende gingen in mehr als 60 Städten auf die Straße, um gegen Korruption, Sparpolitik und für Arbeitsplätze zu protestieren.

"Die Wirtschaftskrise traf uns Spanier damals sehr hart", erinnert sich Carlos Escano, der am Sonntag ebenfalls am Protestmarsch teilnahm. Der Grund für die damalige Empörung und Auslöser der Protestcamps war aber ein anderer, meint der 35-jährige Spanier im APA-Gespräch: "Es war das Gefühl, dass die Politiker an der Seite der Banken und Unternehmen standen, die für die Krise verantwortlich waren, anstatt unsere Rechte auf einen würdigen Job, eine Bleibe und eine Zukunft zu verteidigen".

"Diese allgemeine Enttäuschung über die Politikerklasse führte dazu, dass die Empörten-Proteste Unterstützung aus fast allen Gesellschaftsgruppen erhielten - von Studenten über Arbeitslose bis hin zu Lehrern und Ärzten", erklärte der spanische Soziologe Alejandro Navas der APA.

Zum großen Ausmaß der Proteste trugen dann die täglichen Nachrichten bei: Nachrichten über korrupte Politiker; Nachrichten über Banken, die verarmte Familien zu Zigtausenden aus ihren Wohnungen schmissen, weil sie im Zuge der Krise ihre Kredite nicht bezahlen konnten, obwohl die Banken zuvor mit Milliarden Steuergelder gerettet werden mussten, da sie sich bei Immobiliengeschäften verzockt hatten.

"Wir sind keine System-Gegner. Das System richtet sich gegen uns und deshalb müssen wir es verändern", resümiert Escano die Idee hinter den damaligen Protesten. Escano, der eigentlich bei Amnesty International im Flüchtlingsbereich arbeitet, hat sich vor zwei Jahren der Bürgerplattform "No somos delicto" ("Wir sind keine Straftäter") angeschlossen. Die Bürgerinitiative, die am Sonntag zu den Mitveranstaltern der Jubiläumsdemonstration gehörte, kämpft gegen das sogenannte "Knebelgesetz", mit dem die konservative Regierung von Premier Mariano Rajoy (PP) nach den Mai-Protesten von vor fünf Jahren das Demonstrationsrecht in Spanien vehement reduzierte.

Escano ist bei weitem nicht der einzige Spanier, der sich seit der "Bewegung des 15. Mai" politisch mehr engagiert. "Die politische Mobilisierung der Spanier und das Ende einer weitverbreiteten Politikverdrossenheit ist vielleicht eine der größten Errungenschaften der Mai-Proteste", meint auch Soziologe Navas von der Universität von Navarra.

"Die Menschen wachten damals förmlich auf, bemerkten, dass sie sehr wohl etwas bewirken konnten", meint auch Miguel Ardanuy im APA-Gespräch. Ardanuy war damals 20 Jahre alt, Politikstudent und Mitglied der Studentenverbindung "Jugend ohne Zukunft". Er protestierte gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit und fehlende Gegenmaßnahmen. Wenige Jahre später schloss er sich dem politisch vielleicht sichtbarsten Produkt der Empörten-Bewegung an - Podemos (Wir können).

Erst vor zwei Jahren gegründet, wurde Spaniens linke Protestpartei bei den Wahlen im vergangenen Dezember auf Anhieb drittstärkste Partei im Parlament. Sie brachte das traditionelle Zweiparteien-System mit Konservativen (PP) und Sozialisten (PSOE) zu Fall. Bei den vorgezogenen Neuwahlen am 26. Juni könnte sie nach ihrem Wahlbündnis mit der Vereinten Linken (IU) die Sozialisten sogar als politische Linksalternative ablösen, sagen Umfragen voraus.

"Noch ist nichts gewonnen, noch hat sich die Regierungspolitik nicht verändert, dafür müssen wir erst an die Macht. Doch durch unseren Wahlerfolg sind die Politiker der großen Volksparteien nun endlich gezwungen, unseren Forderungen im Parlament zuzuhören", erklärt Ardanuy, der heute für Podemos im Madrider Stadtrat sitzt und auf Landesebene für demokratische Partizipation zuständig ist.

Auch er mischte sich am Sonntag erneut unter die Demonstranten. Dabei zeigte der Demonstrationsweg, wie sehr die sogenannte "Bewegung des 15. Mai" Spanien veränderte. Im Madrider Rathaus an der Plaza de Cibeles, das über 20 Jahre von den Konservativen regiert wurde und wo am Sonntag die Demonstration startete, sitzt heute Manuela Carmena vom linken Parteienbündnis AhoraMadrid, an dem auch Podemos beteiligt ist.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 18.09.2021 um 10:13 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/spaniens-empoerte-besetzten-erneut-madrider-zentrum-52102987

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