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Thema Heimat: "Hakoah Wien" im Volkstheater

In dem Stück geht es um Heimat und um Vertreibung Salzburg24
In dem Stück geht es um Heimat und um Vertreibung

"Wie kannst du erkennen: Das ist der Moment, wo dein Land nicht mehr deine Heimat ist?" - Es ist nur einer von vielen Sätzen, die am Mittwochabend im Volkstheater im Rahmen der Premiere von Yael Ronens "Hakoah Wien" aufgrund ihrer Aktualität tief ins Mark treffen. Mit der Übernahme aus dem Schauspielhaus Graz hat Neo-Direktorin Anna Badora eine äußerst packende Produktion nach Wien gebracht.

Klar geht es in diesem 2012 in Graz uraufgeführten und mit dem "Nestroy" für die beste Bundesländer-Aufführung ausgezeichneten Stück dezidiert um Israel, um Vertreibung (aus Österreich), Verschweigen (der Herkunft) und Versöhnungsansätze (mit einstigen Tätern) - dennoch kommt man dieser Tage nicht umhin, hier einen größeren Zusammenhang zu sehen und an jene Schicksale zu denken, die derzeit Tausende von Flüchtlingen erleben. Umso mehr ist es der israelischen Regisseurin zu verdanken, dass sie mit "Hakoah Wien" ein erdenschweres Thema mit geradezu überraschendem Humor und (wörtlich zu nehmender) Leichtfüßigkeit auf die Bühne bringt.

Der Rahmen ist schnell abgesteckt: Auf einem aufgeklappten Fußballfeld, das auch den Bühnenhintergrund bildet, versammeln sich Spieler und Fans des jüdischen Fußballklubs "Hakoah Wien". Wir befinden uns in der Jetzt-Zeit, der Kommentator aus dem Off stellt mit sich überschlagender Stimme die einzelnen Spieler vor. Schnitt. Ramallah. Der israelische Soldat Michael Fröhlich (Michael Ronen) wird zu seinem Vorgesetzten gerufen, der ihn nach Wien schickt, um das Image der israelischen Armee aufzupolieren. Dort merkt er schnell, dass er in seinen Vorträgen nicht die ganze Wahrheit sagt. Das Bild des aufrechten Soldaten, der doch einfach nur sein Land verteidigt, bröckelt.

Nach einem Vortrag trifft der junge Mann auf die Österreicherin Michaela (Birgit Stöger), die ihn mit einem Foto seines Großvaters konfrontiert, das sie im Nachlass ihrer (vermeintlich christlichen) Großmutter gefunden hat. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit, bei der sie schließlich auch zu sich selbst (und unvermeidlicherweise auch zueinander) finden. Immer wieder kreuzt Ronen die Szenen mit in Sepia getauchten Bildern aus der Vergangenheit, manchmal gelingt eine Handreichung über die Jahrzehnte hinweg, aber auch Generationenkonflikte werden durch die offenen Zeitfenster ausgetragen.

Das verbindende Thema ist der Fußball: Michaela ist eine frustrierte Fußballer-Gattin, Michael entdeckt, dass sein Großvater (Julius Feldmeier) vor seiner Emigration im Jahr 1936 nicht nur erfolgreicher Fußballer war, sondern auch mit einer Jüdin namens Fania Sternberg liiert war. Der überzeugte Zionist verließ sie, in Folge änderte sie ihren Namen, heiratete einen Christen und überlebte die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. 70 Jahre später versuchen die Enkelkinder, ihre Großeltern zu verstehen. Michael besucht die ehemalige Wohnung des Großvaters, in der nun der Hooligan Ulf (Sebastian Klein) lebt, zwei Welten treffen aufeinander. Michaela beginnt, sich - sehr zum Missfallen ihres Mannes, der sich heimlich mit einem Transvestiten trifft - in ihre neu entdeckte jüdische Identität hineinzufinden, in Michael erwacht die Liebe zu Wien und er beginnt, das "Projekt Israel", für das sein Großvater gelebt hat, zu hinterfragen.

Yael Ronen, die im Dezember am Volkstheater auch die Produktion "Überzeugungskampf" über in den Krieg ziehende Wiener Jugendliche zur Uraufführung bringt, stattet diese dritte Generation mit viel Selbstironie aus. Der verwendete Fußball-Jargon, der schnell mal auch sexuelle Konnotationen annimmt, sorgt auch auf der Textebene für Tempo. Hinzu kommt das ausgeklügelte Bühnenbild von Fatima Sonntag, das durch das Verschieben von mit Kunstrasen bespannten Boxen und Öffnen von versteckten Türen und Fenstern im Rasen rasche Szenenwechsel ermöglicht. Die auf Hebräisch geführten (und auf Deutsch projizierten) Dialoge mit dem Großvater verleihen dem Stück Authentizität.

Getragen wird der 110-minütige Abend von einem spielfreudigen, äußerst wandlungsfähigen Ensemble. Während Yael Ronens Bruder Michael den fahrigen, von Selbstzweifeln getriebenen und in Wien zu neuer Euphorie auffahrenden Soldaten Michael gibt, vollzieht Birgit Stöger eine überzeugende Identitätswandlung. Sebastian Klein mimt den frustrierten Ersatz-Tormann mit unterdrückten homoerotischen Gefühlen mit einer herrlichen Mischung aus Machotum und Loser, Knut Berger sorgt als Hooligan mit weichem Herz für berührende Momente. Das Publikum zollte dem Ensemble lang anhaltenden, herzlichen Applaus. Nach der Premiere von "Fasching" setzt Badora ihr Bekenntnis zu politischen Themen und einer Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart konsequent fort.

(Quelle: S24)

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