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TV-Experiment gescheitert: Die Streithähne von ATV

Auch zwei Tage nach dem TV-Experiment von ATV wird die Konfrontation zwischen den beiden Bundespräsidentschaftskandidaten Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen heiß diskutiert. Deutsche Zeitungen sprechen gar von „peinlich“, „aus dem Ruder gelaufen“ und einer „völligen Entgleisung“. Die Kandidaten selbst empfinden das freilich anders, wie sie am Dienstag auf Ö3 betonten. Eine Analyse.

Nach dem TV-Duell auf ATV, bei dem Van der Bellen und Hofer eher an zwei Streithähne, als an Bundespräsidentschaftskandidaten erinnerten, trafen sie am Dienstag beim „Staatsbesuch im Ö3-Wecker“ zum ersten Mal wieder aufeinander. Moderiert wurde die Diskussion von Robert Kratky. Angesprochen auf die angriffige Gesprächskultur am Sonntag, sagten Hofer und Van der Bellen, was sie sagen müssen.

Van der Bellen: „Sie haben natürlich insofern recht, dass wir zwischendurch ziemlich hart aufeinander gekracht sind. Das war nicht ganz unerwartet, denn was passiert, wenn man zwei Kontrahenten, die in vielen Dingen sehr unterschiedlicher Meinung sind, ohne Schiedsrichter, ohne Moderator sozusagen zusammensperrt auf eine Dreiviertelstunde. Auf der anderen Seite, wenn Herr Hofer und ich uns geweigert hätten an diesem TV-Experiment teilzunehmen, hätte man gesagt, die beiden drücken sich, die sind zu feig. (…) Also wie man’s macht, man erntet oft Kritik.

Norbert Hofer: „Man darf nicht vergessen, dass auch Politiker Menschen sind. Und wenn man eine innerliche Überzeugung hat und man diskutiert miteinander, dann kann es schon  sein, dass Emotionen hochkommen. (…) So was kann schon einmal passieren. Ich bin mir sicher, dass wir auch eine gute Gesprächsbasis finden, die sehr sachlich ist.“

Viel Kritik nach TV-Duell auf ATV

Nach dem Duell sparten Medien und Kommentatoren nicht mit Kritik. Auch deutsche Zeitungen stürzten sich auf die Schlammschlacht. Eine Auflistung.

  • Die Welt spricht von einer „völligen Entgleisung“, einem verbalen Boxkampf auf Kindergartenniveau“ und schreibt „den österreichischen Wählern half dabei nur Alkohol.“
  • Für den Spiegel war das Duell „zum Fremdschämen“
  • Das Duell sei „völlig aus dem Ruder gelaufen“, meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Das Duell sei zum „TV-Schlammcatchen“ ausgeufert.
  • Die Zeit spricht von zwei „Kampfhähnen“.
  • Von einem „üblen Zoff“ berichtet die Berliner Zeitung.
  • Die Augsburger Allgemeine beschreibt ein „aggressives Duell“
  • „Van der Bellen gegen Hofer – Österreich oberpeinlich“, titelt die Süddeutsche. Die Zeitung spricht von einer „politischen Schlammschlacht“, „Häme, Unverschämtheiten und unverstellter Verächtlichkeit“.

Hofer & Van der Bellen: Die Streithähne von ATV

Der Clou von ATV, zwei Kandidaten unmoderiert, ohne inhaltliche Vorgabe und Regeln aufeinander losgehen zu lassen, ist gescheitert. Mit ihren jeweiligen Auftritten haben beide gezeigt, dass sie nicht wählbar sind. Stellt man sich so einen Bundespräsidenten vor? Die Diskussion erinnerte doch eher an ein politisches Wirtshaus-Geplänkel, als an einen Meinungsaustausch zweier Bundespräsidentschaftskandidaten. Es fehlte lediglich noch das Bier am Tisch.

Zugegeben, anfangs bemühte man sich schon um einen respektvollen Umgang miteinander. Hofer übernahm das Moderationszepter, lobte das Experiment und gab Van der Bellen den Vortritt. In den folgenden 20 Minuten prallten jedoch – wie erwartet – ideologische Welten aufeinander, die irgendwann mit Höflichkeit nicht mehr zu diskutieren waren. Aus der Diskussion entstand ein Streit unter dem Motto „Wie du mir, so ich dir“. Die Streitspirale zog sich immer weiter nach unten, bis zu Van der Bellens „Scheibenwischer“. Das war für Hofer, einem NLP-Experten, natürlich ein gefundenes Fressen. Denn der konnte sich ab dem Zeitpunkt auf die Gestiken Van der Bellens konzentrieren. Jeglicher Versuch einer themenspezifischen Diskussion wurde ab diesem Zeitpunkt im Keim erstickt.

Wen die beiden Herren mit ihrer Performance Sonntagabend überzeugen konnten, bleibt fraglich. Für sie wichtige Wähler, nämlich jene, die im ersten Wahlgang für einen anderen Kandidaten/eine andere Kandidatin gestimmt hatten (und das waren immerhin 43,5 Prozent), dürften wohl abgeschreckt worden sein. Wie viele davon überhaupt am Sonntag von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, bleibt fraglich – und wird die Wahl auch entscheiden.

Das geringere Übel gewinnt!

Wollen wir einen Bundespräsidenten, der sich im Kampf um das Amt auf US-Niveau gibt? Nein. Kann das gut gehen? Nein. Wer Norbert Hofer als Bundespräsidenten vermeiden will, wird Van der Bellen wählen. Wer Van der Bellen an der Staatsspitze vermeiden will, wird Hofer wählen. Das „geringere Übel“ gewinnt. So weit ist es in unserer Politik also schon gekommen. Das Volk wählt nicht sein Staatsoberhaupt, sondern gegen die Kandidaten. Und da wundert man sich noch über die Politikverdrossenheit der Österreicher? Kompetente, intelligente Kandidaten, die es auch mal schaffen, ihre eigenen Befindlichkeiten zurückzustellen und denen es gelingt, die Wähler wieder für Politik zu begeistern, wären zumindest erste Schritte in die richtige Richtung, einer neuen politischen Kultur in Österreich.

Sieger des Experiments ist ATV

Zumindest einen Sieger hatte das TV-Experiment: ATV. Der Privatsender verzeichnete Sonntagabend die reichweitenstärkste Eigenproduktion in der Geschichte des Senders. Demzufolge sahen 432.000 Zuseher über 12 Jahre das Duell, 447.000 die anschließende Analyse.

Die Zitate des TV-Duells auf ATV

Erstaunlich untergriffig hat sich das ATV-Duell der Hofburg-Kandidaten entwickelt, das im übrigen Norbert Hofer einen Redezeit-Erfolg von 23 gegen 22 Minuten von Alexander Van der Bellen gebracht hat. Im Folgenden einige der markantesten Zitate aus der Konfrontation.

"Wir versprechen, dass wir uns gut benehmen werden." - Norbert Hofer zu Beginn des Duells.

"Es ist eine Richtungsentscheidung zwischen einem kooperativen Stil und einem autoritären Stil." - Alexander Van der Bellens Sicht auf den Zweikampf um die Hofburg.

"Sie wollen ein Lebensverlängerer des Systems sein." - glaubt Hofer von Van der Bellen.

"Finger weg vom Parlament." - Hofer fürchtet sich vor Eingriffen Van der Bellens im Hohen Haus.

"Sie sind nicht Heinz Fischer." - sagte Van der Bellen Hofer...

"Ich bin nicht Heinz Fischer und ich will auch nicht Heinz Fischer sein." - und der gab ihm wenigstens einmal recht.

"Ich möchte ein föderales Europa und sie Vereinigte Staaten von Europa, wo sie nur noch Landeshauptmann werden könnten." - warnte Hofer Van der Bellen.

"Ein Jagdgewehr ist keine Waffe in dem Sinn." - darum hat Van der Bellen auch kein Problem mit Unterstützung aus der Jägerschaft.

"Sie verstehen nichts von der Wirtschaftspolitik." - meinte Van der Bellen über Hofer.

"Sie haben noch nie in der Wirtschaft gearbeitet." - antwortete Hofer Van der Bellen.

"Sie sind ein Kandidat der Schickeria, ich bin ein Kandidat der Menschen." - befand Hofer über seinen Kontrahenten.

"Das ist eine Schweinerei, was sie da machen." - der ließ sich seine Unterstützer nicht zur Hautevolee machen.

(Quelle: S24)

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