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"Volkstheater!" - Ein Ensemble verabschiedet sich

Schauspielerin Claudia Sabitzer während der Fotoprobe Salzburg24
Schauspielerin Claudia Sabitzer während der Fotoprobe

Am Ende weiß man nicht so recht, ob man lachen oder weinen, klatschen oder schweigen soll. Was das Ensemble des Wiener Volkstheaters zum Ende der Ära Schottenberg am Freitagabend auf die Bühne brachte, war nämlich eigentlich recht lustig, kippte zuweilen ins Sarkastische und endete im bitteren Zynismus. 100 größtenteils großartige Minuten, die gerade deshalb auch ein wenig schmerzen.

Schlicht "Volkstheater!" ist der Ensembleabend betitelt, in dessen Rahmen ein weiter Bogen von Wolfgang Bauer bis Thomas Arzt, von Elfriede Jelinek bis Gerhild Steinbuch gespannt wird. Inszeniert werden die insgesamt zwölf Mini- und Mikrodramen österreichischer Schriftsteller nicht nur von dem Haus nahestehenden Regisseuren wie Babett Arens, Philip Jenkins oder Andy Hallwaxx, sondern auch von aktiven Ensemble-Mitgliedern wie Rainer Frieb, Claudia Sabitzer oder Patrick O. Beck.

Das Publikum, von dem sich das Ensemble - unter Anna Badora bleiben lediglich vier Schauspieler des aktuellen Ensembles am Haus - verabschiedet, sitzt auf einer Tribüne auf der Bühne. Viele der Stücke spielen nicht im leeren Zuschauerraum, sondern an der Rampe, wodurch eine ungekannte Nähe entsteht. Am dichtesten ist diese wohl gleich zu Beginn, wenn Rainer Frieb und Thomas Bauer (in Eigenregie) Konrad Bayers "die begabten zuschauer" geben. Vor geschlossenem Vorhang mimen die beiden Schauspieler interessierte Theaterbesucher, welche die Schauspieler (also das Publikum) mit Opernguckern unter die Lupe nehmen. "Dieses Theater hat sehr gute Schauspieler", heißt es da an einer Stelle, und in den Publikumsreihen macht sich ein zustimmendes Nicken breit.

Abgelöst wird dieser intime Moment von Wolfgang Bauers praktisch unspielbarem Mikrodrama "Richard Wagner", das Till Firit und Jan Sabo zwar mit viel Körpereinsatz (auf der Galerie, in den Logen und im Zuschauerraum) zum Besten geben, viel mehr als eine Versuchsanordnung bleibt die grelle Inszenierung von Andy Hallwaxx jedoch nicht. Mehr Zuspruch bekommt da schon Peter Handkes "Zugauskunft", in dem die Drehbühne das erste Mal zum Einsatz kommt, die das Publikum um 90 Grad versetzt, um Ronald Kuste als auskunftsfreudigen Bahnangestellten und Doris Weiner als verblüffte Reisende zu beobachten (Regie: Doris Happl).

Völlig aus der Zeit gefallen scheint Elfriede Gerstls "in der stehbar 'quickie'", in dem Anselm Lipgens vier in die Jahre gekommene Frauen und einen schlüpfrigen Kellner über die Rolle der Frau philosophieren lässt. Wieder gut gemacht wird dieser kleine Durchhänger dann von Gustav Ernsts "Franz und Maria", in dem Suse Lichtenberger und Matthias Mamedof ein 60 Jahre währendes Eheleben im Schnelldurchlauf bewältigen (Regie: Philip Jenkins). Den Höhepunkt des Abends bilden schließlich Haymon Maria Buttinger und Thomas Kamper (auch Regie) mit Ernst Jandls einaktigem Konversationsstück "die humanisten". Eine Abrechnung mit dem tief verwurzelten österreichischen Nationalismus, wie sie aktueller nicht sein könnte, dargebracht in einer sprachlichen Exaktheit bei gleichzeitiger Emotionalität, wie sie Jandl-Texte wie dieser unbedingt brauchen.

Nach einem kurzen, wirren Jelinek-Intermezzo ("Der Wald") wechselt man von den Klassikern zu den Jungen, deren Auftragsarbeiten an diesem Abend uraufgeführt werden: Claudia Sabitzer gestaltet Julya Rabinowichs Monolog "4x9 Monate/satt" über die Qualen einer vierfachen Mutter mit der Zuspielung von Selfies auf einer Videoleinwand, während sie selbst zur Stimme vom Tonband langsam von der Decke baumelt. Dazu passend folgen Gerhild Steinbuchs sprachgewaltige "Geschichten vom Kind", die Patrick O. Beck mithilfe von Live-Videozuspielungen zu einem mitreißenden, bedrohlichen Stück Theater macht. Während Pippa Galli in Nahaufnahme die kleinsten Fort- und Rückschritte ihres Kindes kommentiert, mimt Haymon Maria Buttinger im Tutu das strauchelnde Kleinkind, das vor den erwartungsvollen Augen der Erwachsenen zu bestehen versucht.

Viel gelacht werden kann beim Thomas-Bernhard-Intermezzo "A Doda", bei dem Babett Arens Roland Kuste und Matthias Mamedof in Frauenkleider steckt und eine vermeintliche Leiche finden lässt, die schlussendlich nur den wenig gut versteckten Nationalsozialismus in Österreich repräsentiert. Ein wenig enttäuschend ist das Auftragswerk von Thomas Arzt, der eine Handvoll Schauspieler zum Vorsprechen ins Volkstheater schickt, um sie sodann über die Bedeutung des Wortes "Volk" philosophieren und den Kapitalismus anprangern zu lassen (Regie: Michael Schachermaier). Zu sehr merkt man diesem Text jedoch seine Intention an, zu sehr gerät die Sprache (und das Ungesagte) in den Hintergrund.

"neustiftgasse 1" nennt sich schließlich der letzte, von Susanne Egger inszenierte Text von Volker Schmidt. Suse Lichtenberger und Günther Wiederschwinger geben ein latent überfordertes junges Elternpaar, das in einer nicht allzu fernen Zukunft mit Immobilienmakler Günter Franzmeier das Volkstheater besichtigt, um darin zu wohnen. Dass es sich um ein ehemaliges Theater handelt, merken die beiden erst, als Franzmeier mehr aus Versehen per Tablet-Wisch die Drehbühne in Gang setzt. Dann erzählt er auch die Geschichte, wie man 7900 Beamte aus ganz Österreich zusammenziehen musste, um das Haus von den widerspenstigen Theatermenschen zu säubern. Ob das Paar sich überzeugen lässt? Da gibt es nämlich noch eine Kleinigkeit, die es stört...

Warmer Applaus beendete den kurzen Abend, der schon allein deshalb sehenswert ist, weil man dem Ensemble noch einmal so richtig nahe kommen kann. Und weil es trotz der Abschieds-Melancholie auch etwas zu lachen gibt. Und das ist den Beteiligten hoch anzurechnen.

(Quelle: S24)

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