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Was hat Norbert Hofer wirklich am Tempelberg gesehen?

FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer wollte am Tempelberg in Jerusalem einst erlebt haben, „wie es wirklich ist“. Bei einem Besuch im Juli 2014 hätte er gesehen, dass eine schwer bewaffnete Frau neben ihm erschossen worden sei. Beim TV-Duell am Donnerstag kam auf, dass es wohl doch nicht ganz so war. Was ist wirklich passiert?

Mehrmals schilderte Norbert Hofer, wie er bei seiner Israelreise einen Terrorakt hautnah miterlebte. „Als ich auf dem Tempelberg war, ist zehn Meter neben mir eine Frau erschossen worden, weil sie versucht hat, mit Handgranaten und Maschinenpistolen betende Menschen zu erschießen“, sagte Hofer im März gegenüber der Tageszeitung Die Presse. Auch im ZiB2-Interview am Mittwochabend wiederholte er die Geschichte: „Ich bin mitten in einen Terrorakt hineingekommen. Neben mir wurde eine Frau erschossen.“ Das Problem: In Israel will niemand einen derartigen Angriff bestätigen.

Hofer in der ZiB2: Ab 7:30 Uhr erklärt er den vermeintlichen Terrorakt.

ORF-Skandal oder Hofer-Übertreibung

Der Sprecher der isrealischen Polizei meinte gegenüber dem ORF-Korrespondenten Ben Segenreich, dass es an diesem Tag keinen Angriff am Tempelberg gegeben habe und keine Frau getötet wurde. Von Ingrid Thurnher im TV-Duell am Donnerstag darauf angesprochen, reagiert Hofer so: „Da hört sich bei mir das Verständnis auf. Wenn mir versucht wird jetzt vorzuwerfen, ich hätte die Unwahrheit gesagt, dann werde ich mich auch wirklich wehren.“ Auch sein FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache witterte einen ORF-Skandal.

Nur: Nach allen vorliegenden Informationen stimmt die Geschichte so, wie Norbert Hofer sie erzählt hat, nicht. Mehr hatte Ingrid Thurnher auch nicht behauptet.

Ein bisschen Wahrheit, ein bisschen Übertreibung

Was stimmt also nicht? Laut verschiedenen israelischen Medienberichten (in der Jerusalem Post, der Haaretz und Times of Israel) wurde an besagtem Tag eine Frau an der Klagemauer am Fuß des Tempelbergs angeschossen. Also nicht direkt neben Hofer, sondern zumindest mehrere hundert Meter entfernt. Die Frau dürfte, in dicke Decken gehüllt, Stopp-Rufe der Polizei ignoriert haben. Daraufhin wurde sie angeschossen und leicht verletzt. Handgranaten, Maschinengewehre oder andere Waffen waren weder laut Polizeisprecher noch den Medienberichten im Spiel, auch Terrorabsichten dürfte es keine gegeben haben. Die Frau habe einer extremen jüdischen Sekte angehört, was erklären soll, dass sie in dicke Decken gehüllt war.

Aus unbewaffneter Frau wird Terroristin

Norbert Hofer merkte im Zuge des TV-Duells schließlich an, dass er Fotos von dem Vorfall habe. Das Team der ZiB24 hat sie abgefilmt. Es dürfte sich um Bilder des Polizeieinsatzes an der Klagemauer handeln. Einen versuchten Terroranschlag, den Hofer erwähnte, bestätigt das nicht. Aus einer unbewaffneten Frau, die angeschossen und leicht verletzt wurde, machte Norbert Hofer eine Terroristin, die betende Menschen erschießen wollte. Wahrheit ist eben ein dehnbarer Begriff.

(Quelle: S24)

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