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Einfluss der Fans

Was hinter dem Mythos Heimvorteil steckt

Wie Geisterspiele die Auswärtsstatistik verändern

Von fanatischen Heimfans kann derzeit keines der heimischen Fußballteams zum Sieg gepeitscht werden. Corona-bedingt herrscht Geisterspiel-Atmosphäre in der österreichischen Bundesliga. Doch welche Rolle spielen Fußballfans tatsächlich und macht sich ihr Fehlen auch statistisch bemerkbar? Wir sind dem Mythos Heimvorteil nachgegangen.

Dröhnende Stille statt tausende brüllende Kehlen, gedämpfte Freude statt ausgelassene Emotionen, Testspielcharakter statt Gänsehautfeeling: Vor verschlossenen Toren feierte Red Bull Salzburg am Sonntag den siebten Meistertitel in Folge, Fans mussten draußen bleiben. Beim 3:0 gegen Hartberg holten die Bullen als einziges Team am 30. Spieltag einen Heimsieg, demgegenüber stehen sage und schreibe fünf Auswärtserfolge.

Mehr Auswärtssiege in den Geisterspielen

Seit dem Re-Start der Bundesliga im Geisterspiel-Format stieg die Zahl der Auswärtssiege signifikant an. Sage und schreibe 25 Auswärtserfolge stehen lediglich zwölf Siegen von Heimteams gegenüber. Adieu Heimvorteil! Erklären lässt sich diese Statistik auch durch das Fehlen der Fans, betont der Sportwissenschaftler Minas Dimitriou im Gespräch mit SALZBURG24: „Das Publikum pusht die Sportler. Wir sprechen hier nicht nur vom Fußball, sondern auch von anderen Sportarten.“ Zum Vergleich: Vor Publikum gab es in der Vorsaison 79 Heimsiege in der Bundesliga, demgegenüber stehen 70 Auswärtserfolge.

Der Einfluss der Fans auf die Spieler

Doch wie beeinflussen Fans ein Fußballspiel tatsächlich? „Hier spielen mehrere Facetten eine Rolle“, führt Dimitriou, der an der Universität Salzburg als Assistenzprofessor lehrt, aus. „Es geht darum, inwiefern das Publikum in der Lage ist, mit der Atmosphäre, die im Stadion herrscht, das Team so zu unterstützen, dass dieses alles aus sich herausholt.“ Auch Studien haben den Einfluss des Publikums auf Sportler nachgewiesen. Wie hoch dieser letztlich ist, hängt von mehreren Faktoren ab: „Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich vor 80.000 Zuschauern in Dortmund oder vor 1.000 in Mattersburg spiele“, erklärt der Experte.

„Hexenkessel“ tragen Emotionen

Auch die räumliche Dimension spielt mit rein: „Es gibt Stadien, die alleine aufgrund ihrer Konstruktion Druck auf den Gegner ausüben, da alles sehr laut und eng ist. In diesem Fall profitiert also nicht nur die eigene Mannschaft von der Atmosphäre im Stadion, die gegnerische wird auch durch diese gehemmt“, erklärt der Experte das Phänomen „Hexenkessel“.

Neben der räumlichen Dimension spielt sich vieles auch im Kopf ab. Stadien wie die legendäre Anfield Road, Heimstätte von Salzburgs diesjährigem Champions-League-Gegner Liverpool, das Camp Nou, Zuhause von Barcelona-Superstar Lionel Messi oder der Signal-Iduna-Park in Dortmund mit der größten Stehplatztribüne Europas beanspruchen für sich den Nimbus der uneinnehmbaren Heimfestung. „Gegnerische Mannschaften reisen an solche Orte oft bereits voreingenommen“, erläutert der Sportwissenschafter. Alleine wegen des gegnerischen Stadions rechnen sich Teams schon im Vorhinein wenige Chancen auf ein Erfolgserlebnis aus.

Fußballwunder nur mit Fans möglich

Auch der Spielverlauf kann den Fans eine besondere Rolle zukommen lassen. „Nehmen wir an, das Auswärtsteam führt 2:0, dann schießt die Heimmannschaft ein Tor – und sofort ist das Publikum da“, weiß der Assistenzprofessor. Erinnerungen an unvergessliche Fußballabende werden wach: Salzburgs furiose Aufholjagd im Europa-League-Viertelfinale gegen Lazio Rom, als die Bullen dank eines 4:1-Erfolgs in Wals-Siezenheim ins Halbfinale einzogen, Barcelonas 6:1-Gala gegen PSG im Champions-League-Achtelfinale oder Liverpools unfassbares 4:0-Wunder gegen den FC Barcelona, an dessen Ende der Champions-League-Gewinn stand. „Solche Spiele sind ohne Publikum undenkbar, weil diese nur von der Emotion im Stadion und vom Publikum getragen werden“, ist sich der Experte sicher.

Nicht immer hat das Publikum einen positiven Einfluss auf das Heimteam: „Befindet sich eine Mannschaft in der Krise, kann sie auch Druck von den Rängen, beispielsweise durch Pfiffe, spüren“, erläutert der Sportwissenschaftler. Spieler, die nicht unbedingt als Publikumslieblinge gelten, werde durch die Geisterspiele etwas an Druck genommen.

Geisterspiele eine Wettbewerbsverzerrung?

Dimitriou sieht die Austragung der Fußballspiele ohne Publikum kritisch: „Wir müssen uns darüber Gedanken machen, ob die Geisterspiele eine Wettbewerbsverzerrung darstellen.“ Als Beispiel nennt er Dortmunds 0:1-Heimniederlage vor leeren Rängen gegen Bayern München, die eine Vorentscheidung im Meisterrennen zugunsten der Gäste bedeutete. „Wäre das Spiel genauso verlaufen, wenn 80.000 Fans den BVB angepeitscht hätten?“, fragt der Sportwissenschaftler. „Durch die Geisterspiele fällt der Heimvorteil. Das ist insofern problematisch, da zu Beginn der Meisterschaft noch vor Zuschauern gespielt wurde.“

 

Experte sieht Abwertung des Sports

Durch die Corona-Vorkehrungen werden die äußeren Dimensionen des Sports quasi ausgeschalten. „Emotionen sind aber wichtig. Ohne Publikum wird der Sport aus meiner Sicht abgewertet“, bezieht der Experte klar Stellung. Er hofft daher, dass die neue Saison wieder mit Fans gestartet werden kann. „Ein Start ohne Fans wäre für mich eine Katastrophe.“

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 10.07.2020 um 12:24 auf https://www.salzburg24.at/sport/fussball/was-steckt-hinter-dem-mythos-heimvorteil-89523838

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