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Insider Fisa im XXL-Interview: "Der Sport ist genauso kaputt wie unsere Gesellschaft"

Zahlreiche Sport-Skandale prägten das vergangene Jahr. Wir haben den PR-Experten Bernd Fisa zum XXL-Interview über Korruption im Fußball, das verzerrte Bild und Widersprüche des Sports in der Gesellschaft sowie die aufkommende Fußball-Euphorie und verschwindende Identitäten im Profisport getroffen.

Fisa war früher als Pressesprecher von Michael Schumacher bei Ferrari tätig und kennt als ehemaliger Berater von FIFA-Präsident Sepp Blatter die Szene der Spitzenfunktionäre bestens. Zudem war der Österreicher Kommunikationschef bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 und leitete den Red Bulletin als Chefredakteur. Außerdem engagiert er sich im Kampf gegen die unheilbare Nervenkrankheit ALS. Fisa hat die Autobiografie "Attacante nato" des an ALS verstorbenen italienischen Fußballers Stefano Borgonovo übersetzt und setzt sich aktiv für die "Borgonovo Stiftung“ ein. SALZBURG24 hat den 46-Jährigen zum XXL-Interview getroffen.

SALZBURG24: Verhaftungen in der FIFA, Doping in Russland und das gekaufte Sommermärchen – Skandale prägten das Sportjahr 2015. Wie korrupt ist der Sport wirklich?

Bernd Fisa: Das hängt vom Blickwinkel ab. Ich glaube, dass der Sport so korrupt und kaputt wie andere Bereiche unserer Gesellschaft ist. Er ist nichts anderes als ein Spiegelbild. Die moderne Menschheit kennt die zehn Gebote und doch verhalten sich nicht alle Menschen nach diesen Vorgaben. Menschen erliegen der Versuchung und setzen sich bei einmaligen Möglichkeiten über die Regeln hinweg. So scheint als hätten die inkriminierten Vertreter des südamerikanischen und mittelamerikanischen Fußballverbandes ihre Funktion ausgenutzt, aus der Rechtevergabe von Sportanlässen Vorteile zu ziehen. Sportler verbessern ihre Leistungsfähigkeit, um zu gewinnen. Es scheint, als würde die Gesellschaft nur noch Gewinner honorieren. Gewinnen um jeden Preis - als Ausdruck und Auswuchs der modernen Leistungsgesellschaft! Der Fan spiegelt sich in seinem Idol, das er anhimmelt und imitiert. Der Familienvater spiegelt sich im Sohn oder der Tochter und projiziert all seine Sehnsüchte in die Kinder. Funktionäre und Manager spiegeln sich im System, das sie vom Schreibtisch aus versuchen zu kontrollieren. Vor allem spiegelt sich im Sport die jeweilige Zeit. Vieles ist heutzutage unübersichtlich und unsicher geworden. Alles ist in Bewegung. Die Bedeutung des Sports hat sich im 21. Jahrhundert stark verändert. Die Menschen wollen sich zurechtfinden und anhalten. Sport ist vielen zur emotionalen Heimat geworden. Sport hat sinnstiftenden Charakter. Sport machen ist nicht nur cool und gesund, Sport ist zu einer neuen Leitkultur geworden. Allein: Der Sport wird in der Zwischenzeit mit Werten, Sehnsüchten und Wünschen überladen, die der Sport gar nicht erfüllen kann. Wieso sollte der Sport ein Allerheilmittel gegen den Weltschmerz sein? Wieso sollte der Sport mehr leisten können als die Politik und die Diplomatie gemeinsam? Und wieso sollte im Sport nicht das passieren, was in unserem Alltag regelmäßig passiert?

Fisa: "Falsch und scheinheilig, komplett überrascht zu sein"

Aber warum ist die Gesellschaft immer dermaßen entsetzt, wenn im Sport das passiert, was in der globalen Marktwirtschaft täglich geschieht?

Wir leben im 21. Jahrhundert. Transparenz und Good Governance sind die neuen Modeworte. Der Fan möchte heutzutage alles wissen. Jeder Sportbegeisterte fühlt sich als Teil des Spiels. Jeder glaubt, die Antworten auf die alles entscheidenden Fragen zu kennen. Die Heroisierung und Idealisierung ist allgegenwärtig. Die Sehnsucht nach Reinheit ist groß. Der Sport bekommt dadurch eine moralische Komponente, die er nicht einlösen kann. Oder zumindest nicht immer und dauerhaft. Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen mag weiter die schönste Nebensache der Welt sein, aber er ist über die Jahre auch zum Business, zur Millionenindustrie geworden. Die Kommerzialisierung des Sports ist jene der Welt. Die Korruption des Sports ist die Korruption der Welt. Das heißt nicht, dass es deshalb falsch ist, dagegen anzukämpfen und alles was falsch läuft, aufzudecken. Es ist nur falsch und scheinheilig, komplett überrascht zu sein. Hand aufs Herz: Das was im Sport geschieht oder geschehen ist, entspricht Verhalten, die uns aus allen Lebensbereichen längst bekannt sind. Das Gute und das Böse hängt meines Erachtens weniger von den bestehenden Regeln, sondern in erster Linie von der Qualität der handelnden Personen ab.

"Sport braucht differenzierte Debatte und unaufgeregte Analyse der Fakten"

Ist die aktuelle Debatte über die Neuausrichtung des Sports und der FIFA scheinheilig und falsch?

Nein, natürlich nicht. Aber: Ist es eine Debatte über Regeln als vermeintliches Allerheilmittel? Oder geht es um Personen? Und: Genügen die Regeln überhaupt? Es ist jedenfalls ein sensibles und komplexes Thema mit vielen Ebenen. Ein Beispiel dazu: Der argentinische Teamspieler Javier Mascherano wurde letzten Dezember wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe von 816.000 Euro verdammt und bekam ein Jahr Haft auf Bewährung. Der brasilianische Superstar Neymar wurde ebenfalls wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe von 100.000 Euro und brasilianische Behörden haben angeblich Teile seines Eigentums im Wert von 40 Millionen Euro blockiert, solange bis sein Prozess in Brasilien beginnt. Der vierfache Weltfußballer Lionel Messi sitzt auf der Anklagebank wegen des Verdachts von Steuerhinterziehung. Es soll um 4,1 Millionen gehen. Kein Fan hat sie deswegen an den Pranger gestellt oder deren Vorbildfunktion in Frage gestellt, obwohl sie im Grunde genommen auch der FIFA-Ethikkommission unterliegen. Ganz im Gegenteil: Der globale Jubel ist den aktiven Sportlern bei jeder Ballberührung sicher, währenddessen ein Funktionär sehr schnell einmal medial vernichtet wird. Was ich damit sagen will: Stammtischrhetorik und Populismus sind in der jetzigen Situation kontraproduktiv. Billige Stimmungsmache und Surfen auf dem Mainstream führen nur dazu, dass von den eigentlichen Herausforderungen abgelenkt wird. Was der Sport jetzt mehr denn je braucht ist eine fundierte, differenzierte Debatte und eine unaufgeregte, profunde Analyse der Fakten, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Zum Glück gibt es nicht nur Marktschreier, sondern überwiegend professionelle Kollegen, denen es wirklich um die Sache geht, denen die Reform des Sports eine Herzensangelegenheit ist, die bewirken, das Verhalten von Funktionären und Spitzensportlern positiv zu beeinflussen. Ich bin überzeugt , dass letztlich auch die Medien einen wertvollen Beitrag dazu geleistet haben, dass jetzt allerorts im Sport ein Umdenken stattfindet.

Fußball als geeignetes Mittel zur Kommunikation im Nahen Osten

"Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. Er hat, wie nur wenige Dinge, die Kraft Menschen zu inspirieren, die Kraft sie zu vereinen. Er ist mächtiger als Regierungen, wenn es darum geht Rassenbarrieren niederzureißen", sagte Nelson Mandela einst. Wo kann der Sport etwas verändern, wo sind die Grenzen?

Der Sport kann sehr wohl einen substantiellen Beitrag leisten, das hat er in der Vergangenheit auch immer wieder bewiesen, es kann aber nicht sein, dass der Sport für alle Herausforderungen, an denen die Politik scheitert, Patentrezepte präsentiert. In Südafrika, einem von Rassenkonflikten zerrütteten Land, hat es Mandela zustande gebracht, mit dem Sport Brücken zu bauen, zu einem Zeitpunkt, als das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß noch von maximal hohem gegenseitigem Misstrauen bedroht war. Beispielsweise hat sich Madiba 1995 voll und ganz hinter den Rugby-Sport gestellt, einer traditionell von der weißen Minderheit besetzten Domäne. Das Turnier fand unmittelbar nach der Apartheit statt. Mandela überreichte im grünen Rugby-Trikot Südafrikas den WM-Pokal an den südafrikanischen Kapitän Francois Pienaar – eine große Geste der Versöhnung. Oder nimm den seit 1948 ungelösten Konflikt zwischen Israel und Palästina. Im Rahmen meines Mandats für die FIFA-Beobachtungskommission war ich zuletzt sehr oft im Nahen Osten. Die Politik scheint mit ihren Mitteln festgefahren zu sein. Der Dialog ist in einer Sackgasse angekommen. Die einzige Antwort ist Gewalt. Diese überschattete auch die Weihnachtsfeiern im Heiligen Land während auf Ebene der –Fußball-Verbandspräsidenten zur gleichen Zeit ein konstruktiver Dialog und Austausch stattfand. Jibril Rajoub, der Präsident des Fußballverbandes von Palästina, reiste nach Tel Aviv. Umgekehrt reiste auch Ofer Eini, der Präsident von Israels Fußball-Verband, nach Jericho (Palästina). Gemeinsam sind sie dabei, Lösungen zu erarbeiten, für beispielsweise den freien Verkehr von Sportlern und den Transport von Sport-Equipment im Krisengebiet. Die FIFA moderiert den Prozess. Unvorstellbar, dass derlei konstruktive Gespräche zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas stattfinden. Derlei Beispiele würden mir noch einige einfallen. Der Sport kann einen Beitrag leisten, die Politik ersetzen kann er nicht.

Fisa (re.) während seiner FIFA-Tätigkeit im Nahen Osten. /privat Salzburg24
Fisa (re.) während seiner FIFA-Tätigkeit im Nahen Osten. /privat

FIFA-Präsidentschaftswahl: Wer macht das Rennen?

Am 26. Februar wird der neue FIFA-Präsident gewählt. Zeichnet sich bereits ein Ergebnis ab?

Es scheint, dass es auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem AFC-Präsidenten Sheikh Salman und UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino hinausläuft. Das kann eine enge Angelegenheit werden. Prinz Ali werden Außenseiterchancen eingeräumt. Jerome Champagne und Tokyo Sexwale gelten als chancenlos. Aller Voraussicht nach läuft es auf einen zweiten Wahlgang hinaus. Jordaniens Fußball-Verbandpräsident Prinz Ali, der bereits am 29. Mai gegen Sepp Blatter angetreten war, bzw. seine Stimmen könnten zum Zünglein an der Waage werden. Mit Scheich Salman gäbe es den ersten FIFA-Präsidenten aus Asien, dem mit 4,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichsten Kontinent der Welt. Aber warten wir ab. Die Wahl ist geheim. Es ist in der Vergangenheit der FIFA-Wahlen mitunter zu Überraschungen gekommen. Es wäre nicht das erste Mal, dass vorher in der Öffentlichkeit gemachte Stimmenzusagen am Wahltag nicht eingehalten werden.

So soll die FIFA vertrauenswürdig werden

Wie wird sich die FIFA künftig ausrichten, was sind die wichtigsten Reformen?

Die Reformen sind meines Erachtens ein ebenso wichtiger Tagesordnungspunkt am FIFA-Kongress, sollen sie das Verhalten der künftig handelnden Personen maßgeblich zum Besseren beeinflussen. Es handelt sich übrigens um den zweiten Teil des ursprünglich lancierten Reformpakets, welche am Freitag diskutiert werden. Bereits 2012 und 2013 hat der Kongress großen Teilen der Reformen, welche unter Führung des Anti-Korruptionsexpteren Mark Pieth erarbeitet worden sind, zugestimmt. Nunmehr sollen jene folgen, die damals zum Großteil aus politischen Kalkül blockiert worden sind. Überraschenderweise hatte damals die UEFA, der starke europäische Verband, kollektive Opposition in Bezug auf einige der Kernstücke der Reform signalisiert. Es war schwer nachzuvollziehen, dass sich die UEFA beispielsweise gegen eine Integritätsprüfung für neue Funktionäre wandten. Während Präsident Blatter bereit war, einen großen Teil des Reformpaketes durch zu bringen, waren die Reformgegner verantwortlich dafür, dass der Kongress nicht in der Lage war, Vorschriften zu Amtszeit- und Altersbegrenzungen zu verabschieden. Jetzt hat der krisenerprobte Anwalt und Universitätsprofessor Francois Carrard ein Paket geschnürt, welches die FIFA zu einer vertrauenswürdigen Organisation machen soll. Das bisherige Exekutiv-Komitee wird durch den größeren FIFA-Rat ersetzt. Der Präsident hat weniger Macht und eher eine repräsentative Funktion. Offenlegung der Gehälter, Trennung in ein Aufsichts- und ein Ausführorgan, mehr Mitsprache für Frauen, ein klares Bekenntnis zur statutarischen Verankerung und Achtung der Menschenrechte. Und, und, und. Die Reformen müssen die Organisation bis in den letzten Winkel hinein durchdringen. Bis hin zu jedem einzelnen der 209 Mitgliederverbände, der wiederum die Aufgabe hat, diese neue Kultur innerhalb seiner Struktur zu implementieren und mit Leben zu befüllen. Denn wenn diese Kultur nicht gelebt und vorgelebt wird, insbesondere von den Meinungsbildern und der Führungsetage, dann wird sich wenig verändern. Bestimmend sind letztlich eben doch nicht Regeln alleine, den handelnden Personen kommt großes Gewicht zu.

Die Kandidaten (v.l.): Prince Ali, Gianni Infantino, Tokyo Sexwale, Jerome Champagne und Scheich Salman. /ASSOCIATED PRESS Salzburg24
Die Kandidaten (v.l.): Prince Ali, Gianni Infantino, Tokyo Sexwale, Jerome Champagne und Scheich Salman. /ASSOCIATED PRESS

ÖFB profitiert von der FIFA

Welchen Einfluss hat der ÖFB auf die FIFA, und umgekehrt?

Der ÖFB ist eines von 209 Mitgliedern des Weltfußballverband und kann sehr wohl Einfluss geltend machen, wenn der ÖFB das wünscht. Der ÖFB hat einen Sitz in der ein oder anderen FIFA-Kommission. Beispielsweise ist ÖFB-Präsident Leo Windtner Mitglied der FIFA-Berufungskommission. Der ÖFB profitiert von der FIFA. Im Rahmen der Entwicklungs-Aktivitäten hat man im September 2015 allein 600.000 Euro für ein zentrales Marketingportal für Fanshop und Ticketing bekommen. Inwiefern der ÖFB de facto ein gewichtiges Wort im Weltfußball mitsprechen und sich auch exponieren sowie in Zukunft allenfalls erstmals einen starken Mann oder womöglich sogar eine Frau für das UEFA- oder FIFA-ExCo aufbauen möchte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wird der FIFA-Skandal die Fußballeuphorie in Österreich vor der EURO beeinflussen?

Nein, davon gehe ich nicht aus. Offen gesprochen: Den Fan interessiert die Fußball-Politik auch nicht. Sobald ein neuer FIFA-Präsident gewählt wird, wird das Thema wieder aus den Schlagzeilen verschwinden. Davon gehe ich aus. Die Materie ist extrem schwierig, im Grunde genommen wenig lustig und auch schwer verdaulich. Zudem haben ältere Funktionäre keinen Sex-Appeal. Ich bezweifle, dass derlei Dinge irgendjemand auf Dauer interessiert. Der Fan möchte Alaba, Junuzovic und Arnautovic kämpfen und siegen sehen. Verbände und Funktionäre werden ihm eher suspekt bleiben.

"Die WM ist die ultimative Party – jeden Tag Super-Bowl. Und das ein Monat lang."

Brot und Spiele: Warum stürzen sich Medien während einer WM, einer EM oder Olympia komplett auf den Event während in der gleichen Zeit beispielsweise umstrittene Gesetze im Parlament durchgebracht werden?

Es hat beinahe schon Tradition, dass, wenn die Menschen durch Fußball abgelenkt sind, Politiker gerne unpopuläre Entscheidungen durchs Parlament winken. In Deutschland war es 2006 die Mehrwertsteuererhöhung und 2010 der Anstieg der Krankenkassenbeiträge. Am 28. Juni 2012 sollen 28 Millionen Menschen das EM-Halbfinal-Spiel zwischen Deutschland und Italien verfolgt haben, während im Bundestag 26 Abgeordnete die Reform des Meldegesetzes beschlossen haben. Der Fußball zieht alle zwei bis vier Jahre sprichwörtlich alles in seinen Bann. Dazu muss man wissen. Für die FIFA ist die WM das einzige der 13 Turniere, das Gewinn macht. Zugegeben: einen gigantischen Reibach. Mit 26 Milliarden kumulierten Fernsehzusehern ist die mediale Präsenz der Fußball-WM fünfmal grösser als die der Olympischen Spiele. Der finanzielle Erfolg der WM 2014 in Brasilien bietet dem Fußball für das weitere Wachstum die beste Grundlage. Allein 3,8 Milliarden US-Dollar werden von 2015 bis 2018 direkt in den Fußball reinvestiert. Das sind 72 Prozent des Gesamtaufwandes. Die WM ist die ultimative Party – jeden Tag Super-Bowl. Und das ein Monat lang. Von der WM profitieren natürlich auch die Medien. Deswegen ist es das weltweit bestimmende Thema und stellt alles andere in den Schatten.

Deutschland ist während Fußball-Turnieren stets im Ausnahmezustand. /APA/dpa Salzburg24
Deutschland ist während Fußball-Turnieren stets im Ausnahmezustand. /APA/dpa

Welche Rolle kann der Sport in der derzeitigen Flüchtlingskrise einnehmen?

Sport hat sinnstiftenden und brückenbauenden Charakter. Das hat man jetzt wieder gesehen. In den Flüchtlingsheimen haben sich die Menschen die Zeit mit Fußball spielen vertrieben. In der Phase Alltagsintegration ist es oft leichter, Barrieren zu überkommen und sich verständlich zu machen, wenn man einem Ball nachläuft und sich dabei besser kennen lernt. In dem Zusammenhang haben Sätze wie „Football is more than just a game“ oder „Sports has the power to change the world“ Gültigkeit. Wie gesagt: nicht immer. Aber ich hoffe doch, in Zukunft immer öfter. Ich zumindest kenne das aus den Erzählungen meines elfjährigen Sohnes, der auf diese Art und Weise neue Freunde gefunden hat und habe das selbst auch erlebt, als wir zuletzt im Käfig gekickt haben.

Identitäten verschieben sich durch Globalisierung

Besteht durch die milliardenschwere Investitionen wie zum Beispiel jene in der Premier League oder zuletzt in China die Gefahr, dass der Fußball – oder allgemein der Sport - seine Identität verliert bzw. verändert? Oder: Hat der Fußball längst seine Identität verloren?

Ich habe den Eindruck, dass mit der Globalisierung zunehmend die Bindung zum Heimatklub verloren gegangen ist, nicht aber jene zur Nationalmannschaft. Wenn man sich die Kids von heute ansieht, dann kennen sie womöglich noch den ein oder anderen Spieler des lokalen Vereins, in erster Linie aber himmeln sie die Stars aus den Ligen Deutschlands, Englands, Spaniens, Italiens, Frankreichs an. Aus diesen Ligen kennen sie jeden Auswechselspieler beim Vornamen. Beim Nationalteam hingegen ist der Trend genau umgekehrt. Mitglied einer Klubmannschaft kann jeder sein. Deutscher, Engländer oder eben Österreicher ist man. Die Nationalität ist nicht austauschbar. Ich glaube, dass auch deshalb die Identifikation tendenziell wächst. Nimm nur die Entwicklung von Deutschland. Nach 2006, 2010, 2014 akzeptiert und respektiert die Welt die Deutschen nicht nur, sondern sie liebt und bewundert sie neuerdings. Dafür verantwortlich zeichnet die deutsche Fußballnationalmannschaft.

(SALZBURG24/Pfeifer)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 27.11.2022 um 06:17 auf https://www.salzburg24.at/sport/sportwelt/insider-fisa-im-xxl-interview-der-sport-ist-genauso-kaputt-wie-unsere-gesellschaft-50781178

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