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Hirscher-Entscheidung

Eine meisterliche Inszenierung?

Marcel Hirscher APA/GEORG HOCHMUTH
Sagt Marcel Hirscher Servus? Der Annaberger spricht Mittwochabend über seine Zukunftspläne.

Marcel Hirscher bestimmt wie kein Zweiter die medialen Schlagzeilen der letzten Wochen in Österreich. Über den Stellenwert des Skisports, die Bedeutung der Inszenierung und mögliche Folgen eines Hirscher-Rücktritts haben wir uns mit einem Sportmedien-Experten von der Universität Salzburg unterhalten.

Minas Dimitriou leitet den Fachbereich Sport-Management-Medien an der Universität Salzburg und ist Geschäftsführer des Universitätslehrgangs "Sportjournalismus".

SALZBURG24: Wie haben Sie die mediale Berichterstattung um Marcel Hirscher in den letzten Wochen erlebt?

MINAS DIMITRIOU: Das ist wie eine Schablone, die mit verschiedenen Inhalten gefüllt wird. Die Medien haben rein spekulativ berichtet, inhaltlich gab es nirgends einen relevanten Neuigkeitswert: Es ging eigentlich nur um die Frage, wie sich Hirscher entscheiden wird, ob er möglicherweise eine Pause macht oder ob es einen Plan B, wie den Motorsport gibt? Hinzu wird immer wieder seine Familie thematisiert, was mit seiner Leistung als Sportler nichts zu tun hat.

Für Hirschers Pressekonferenz wird ein Platz zur besten Sendezeit freigeräumt und dafür eine Sendung zur NR-Wahl verschoben. Hat es etwas Vergleichbares schon mal gegeben?

Sowas gab es in Österreich bislang noch nicht. Und ich denke auch nicht, dass sich das in den kommenden Jahren nochmals in einer solchen Art und Weise wiederholen wird. Rund 120 Medien aus der ganzen Welt haben sich dafür angekündigt. Der Sport verdrängt hier die Politik, diese Art der Inszenierung ist bemerkenswert und sicher einmalig.

Was sagt das über den Sport und Marcel Hirscher aus?

Das zeigt zum einen die immense und übergeordnete Bedeutung des Skisports in Österreich, aber auch die bedeutende Rolle Marcel Hirschers als Marke für Medien, Publikum und Wirtschaft. Dass er über Jahre hinweg in Österreichs Mediensportart Nummer eins immer vorne mit dabei war und die größten und mächtigsten Firmen des Landes als Sponsor hat, ist sicher auch ein Grund für seine riesige Popularität. Hirscher ist attraktiv für das Publikum, die Medien und Geldgeber.

Die Medien berichten über die Erfolge des Sportlers, das ist das Um und Auf der Berichterstattung. Darauf werden dann das Publikum und die Sponsoren aufmerksam. Das ergibt eine Interdependenz, also wechselseitige Abhängigkeit, zwischen dem Sport, den Medien, dem Publikum und der Wirtschaft. Und durch die ständige Berichterstattung wird dieses Rad immer größer. Das kann man natürlich auch spiegeln: Gäbe es keine Medien im Sport, wäre das Interesse der Sponsoren und auch das Interesse des Publikums wesentlich geringer.

Ohne Hirscher werden die rot-weiß-roten Erfolge im Skisport wohl zurückgehen. Was sind die Folgen für die Medien und den Österreichischen Skiverband (ÖSV)?

Ich gehe davon aus, dass sich sowohl die ÖSV-Funktionäre, als auch die Medien an die neue Situation ohne Hirscher als Siegesgaranten anpassen werden. Das hat zur Folge, dass die Erwartungshaltung aus medialer Sicht im alpinen Skisport sinken wird. In der anstehenden Saison gibt es keine Weltmeisterschaften oder Olympischen Spiele, der Druck von außen und innen ist also niedriger. Dieses Jahr ohne ein sportliches Großevent ist als Übergangssaison gut geeignet, das werden auch die Funktionäre beim ÖSV wissen.

Ist es problematisch, dass es in der medialen Berichterstattung oft ausschließlich um Medaillen bzw. Siege geht?

Das ist ein Problem und daran sollte sich meiner Meinung nach auch etwas ändern. Es geht nicht, dass eine sportliche Leistung medial nur relevant wird, wenn man auch Edelmetall von einem Großereignis mit nach Hause bringt. Die individuelle Leistung muss in jedem Fall mehr gewürdigt werden. Häufig zählt nicht mehr die persönliche Leistung, sondern ausschließlich der absolute Erfolg. Steigender Druck ist die Konsequenz. Darum wird es schwieriger, die eigenen Leistungen und somit den erhofften Erfolg zu erreichen.

Hat der Druck der Medien auf Sportlerinnen und Sportler in den letzten Jahren zugenommen?

Das muss man differenziert betrachten. Sicher ist heutzutage immer mehr Sport im Fernsehen zu sehen, sodass er als potentielle Angriffsfläche und Projektion für Kritik dienen kann. Aber durch die sozialen Medien haben Sportlerinnen und Sportler auch die Möglichkeit bekommen, sich bestmöglich für ihre Fans und Sponsoren zu inszenieren. Auf der anderen Seite passt sich der Sport auch den Medien an. Sportereignisse werden medial so aufbereitet, dass sie attraktiv und unterhaltend für die Zuschauer sind. Mit unterschiedlichen Mitteln wird darauf hingearbeitet, ein Sportevent möglichst spannend und dramatisch zu inszenieren.

Was halten Sie von Schlagzeilen, wie "Wer soll Hirscher nun beerben"?

Das sehe ich sehr kritisch, weil dadurch eine neue Drucksituation auf jüngere Leistungssportler aufgebaut wird. Sicher ist Hirscher das Nonplusultra des österreichischen Skisports, aber er sollte kein Maßstab für sportliche Leistung anderer Athleten sein. Das geht sonst in die falsche Richtung.

Danke für das Gespräch.

(Quelle: SALZBURG24)

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