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Veränderte Lebensperspektiven

Salzburg macht langsam Schluss mit „Hustle Culture“

Wunsch nach mehr Freizeit bei Arbeitnehmer:innen groß

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Die Arbeitswelt in Salzburg hat sich in den vergangenen Jahren verändert. 40 Jahre im selben Betrieb oder zahlreiche Überstunden kommen für viele Menschen nicht mehr in Frage. (SYMBOLBILD)

Weniger Arbeit, mehr Freizeit – und wenn das nicht geht, dann wird der Betrieb gewechselt: Die Einstellung zum eigenen Job hat sich in den vergangenen 15 Jahren in Salzburg stark verändert. Eine „Hustle Culture“, wo viele Überstunden geleistet werden müssen, wird immer weniger akzeptiert. Trotzdem ist Ausbeutung leichter geworden.

Homeoffice, flexiblere Arbeitsgestaltung und rasante Digitalisierung: Die Corona-Pandemie hat in unserer Arbeitswelt viel verändert. Doch auch zuvor hat sich viel getan. Vor allem wurde Arbeit in den vergangenen 15 bis 20 Jahren flexibler, ist sich Bernd Wimmer, Referent der Arbeiterkammer Salzburg sicher. Positiv sein muss das nicht immer. „Die Arbeit kommt jetzt oft auch mit nach Hause oder in den Urlaub“, erklärt er im Gespräch mit SALZBURG24. Die Arbeitszeiten seien deshalb heute unregelmäßiger. "Der klassische Nine-to-five-Job hat sich in den letzten 15 Jahren verabschiedet.“

40 Jahre im selben Betrieb heute undenkbar

Das könne man auch bei den Arbeitszeiten beobachten. Teilzeitbeschäftigung, wie sie in den 2000er-Jahren noch eher für Frauen typisch war, würde jetzt auch mehr Männer anziehen. Der Wunsch nach weniger Wochenstunden sei groß. „Eine ‚Hustle Culture‘ wird von vielen nicht mehr akzeptiert“, stellt Wimmer fest. Viele Überstunden, das Opfern des Privatlebens oder Arbeiten über die Belastungsgrenze hinaus ist für sie also keine Option mehr. Stattdessen seien Politisches Engagement, Zeit für die Familie, Hobbys oder Ehrenamt mehr in den Vordergrund gerückt. „Die Lebensperspektiven haben sich einfach verändert.“ Auch deshalb sei alles schnelllebiger geworden. 40 Jahre im selben Betrieb arbeiten? „Dieses Narrativ kommt für junge Menschen nicht mehr in Frage“, so der Soziologe.

 

Erwerbsarmut in Salzburg nimmt zu

Trotz dieser veränderten Einstellung gegenüber Arbeit sei Ausbeutung in den vergangenen Jahren einfacher geworden. „Wir haben mittlerweile mehr Schlupflöcher“, meint Wimmer. Bei Lieferdiensten etwa seien die Fahrer:innen häufig selbstständig – aber nur scheinbar. „Die Arbeitgeber:innen haben also Angestellte, aber ohne die Kosten“, erklärt er. Denn für Ausrüstung, Versicherung und Co müssen die „Scheinselbstständigen“ selbst aufkommen. Im Fahrservice seien viele nicht einmal selbstständig, sondern sogar privat unterwegs. Für ihre Arbeit bekämen sie dann lediglich ein Taschengeld. „Das ist weit weg von einer Arbeitsform, die existenzsichernd ist.“ Ab wann ein Einkommen existenzsichernd ist, ist kontextabhängig. Heuer wurde das Existenzminimum bei 1.030,50 Euro festgelegt. Generell nehme Erwerbsarmut in Salzburg zu, auch bei Vollzeitbeschäftigung. Das zeigt auch der Arbeitsklimaindex des Vorjahres: Jede:r Zweite kommt mit seinem Gehalt nicht oder gerade so aus.

PDF: Erwerbsarmut in Salzburg

Mehr Stress durch Arbeitsverdichtung

Dabei sind Salzburgs Unternehmen seit den 2000er-Jahren sogar produktiver geworden. „Die Digitalisierung hat sehr stark für Arbeitsverdichtung gesorgt“, schildert der AK-Referent. Es muss jetzt also mehr Arbeit in weniger Zeit erfüllt werden. Druck und Stress bei den Beschäftigten sei deshalb angestiegen, denn neue Entwicklungen bringen auch neue Anforderungen. Skills müssen also laufend aktualisiert werden. Jede:r Dritte fühlt sich heutzutage massiv durch Zeitdruck oder Arbeitsdruck belastet, wie Umfragen zeigen. Dass der Stress zunimmt, habe man laut Wimmer schon in den vergangenen 15 Jahren beobachten können, „die Pandemie hat aber zusätzlich noch einmal als Katalysator gewirkt“.

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Für viele wird das alltägliche Leben durch die Teuerung zur finanziellen Herausforderung. (SYMBOLBILD)

Über Hälfte der Beschäftigten hat kaum Geld übrig

Mit steigenden Preisen für Lebensmittel, Strom und Heizen etwa wird es für immer mehr Beschäftigte gegen Monatsende knapp. Für 54 Prozent der befragten Arbeitnehmer reicht der Lohn oder das Gehalt …

Homeoffice „gekommen, um zu bleiben“

Gleichzeitig hätte die Technik erst „entgrenztes Arbeiten“ möglich gemacht. Teilweises Homeoffice, wie es während der Corona-Pandemie in vielen Unternehmen umgesetzt wurde, „ist gekommen, um zu bleiben“, ist sich Wimmer sicher. Für die Beschäftigten sei das sehr vorteilhaft und bringe einen großen Gewinn an Lebenszeit, wenn etwa Arbeitswege wegfallen.

 

Self-Service-Automaten ersetzen Jobs

Auch auf die Konsument:innen selbst hat die Digitalisierung in Salzburgs Arbeitswelt Einfluss: Durch Self-Service-Automaten werden sie heute viel mehr mit eingebunden als noch vor 15 Jahren – und leisten dabei unbemerkt unbezahlte Arbeit, indem sie beispielsweise Waren scannen. Die Unternehmen selbst sparen sich damit Arbeitskraft. Jobs wie etwa Supermarktkassierer:in seien deshalb ein Auslaufmodell, meint der Experte. Teilweise werde jetzt schon ein Aufpreis bezahlt, wenn man sich von einem:einer Mitarbeiter:in bedienen lässt. „Das zeigt schon, wohin die Reise geht.“

(Quelle: SALZBURG24)

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Kommentare

Hptm.Karotte

Da man heutzutage die Arbeitsstelle öfters Wechselt (oder muss) sollte auch die 6. Urlaubswoche leichter erreichbar werden! Nach gewissen geleisteten Arbeitsjahren für alle.

Chris

Die Ausbeutung fängt bei den hohen Lohnnebenkosten an!!! Wenn 2 Vollerwerbstätige die Familie noch gerade durchbringen, dann stimmt etwas nicht im System. Man kann natürlich, wie in Deutschland, das Bürgergeld einführen, damit Arbeit noch unattraktiver wird :-( z. B. Meine Kinder haben einen Nebenjob, den sie gerne machen. Jedoch wird dabei jeweils KV abgezogen. Wozu 2 x Krankenversicherung? Da fängt es schon an, einem Arbeit zu vermiesen.

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