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Bilderkraft und Büßertod im neuen "Jedermann"

Die Buhlschaft radelte über die "Jedermann"-Bühne. Wildbild
Die Buhlschaft radelte über die "Jedermann"-Bühne.

Der Anfang ist getan. Der Bann ist gebrochen. Vielleicht ist mit der gestrigen "Jedermann"-Premiere nicht nur der Beginn der Salzburger Festspiele 2013 geglückt, sondern auch das Ende jener Tradition gekommen, die Hugo von Hofmannsthals Bekehrungsspiel, das zu den Festspielen gehört wie die Mozartkugel zu Salzburg, als zwischen religiöser Pathetik und volkstümlichem Kitsch anzusiedelndes Museumsstück betrachtete.

Mit der Inszenierung des Briten Julian Crouch und des US-Amerikaners Brian Mertes sind wieder neue Bilder, Gedanken und Interpretationen auf den Domplatz eingekehrt, wie sie auf jeder Bühne gang und gäbe sein sollten. Der "Jedermann" hat vom Hochamt wieder zum Theater zurückgefunden.

Nicht alles Gold, was glänzt

Dabei ist jenseits der diesmal vom Mammon buchstäblich geschissenen Taler durchaus nicht alles Gold, was an dieser Neuinszenierung glänzt. Dazu braucht die zweistündige Aufführung zu lange, um ihre eigene Atmosphäre zu entfalten, dazu gibt es für die Bekehrung einprägsamere, überzeugendere Bilder als für die Ausschweifungen, dazu könnte man sich mitunter noch radikalere Umsetzungen mancher Szenen vorstellen. Insgesamt jedoch hat sich das von Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf eingegangene Wagnis, ein angelsächsisches Regie-Duo damit zu betrauen, mit fremdem Blick und Respekt vor den Salzburger Eigenheiten das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" von der Folklore wieder mehr hin zur existenziellen Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens zu führen, als goldrichtig herausgestellt.

Der neue "Jedermann"

Aus den zwei Stunden, die Jedermann Zeit zum Leben und Sterben hat, werden etliche Bilder in Erinnerung bleiben. Die Einbeziehung von Masken und Puppen etwa gelingt blendend, rückt das Geschehen mehr in Richtung einer Straßentheater-Ästhetik, vergrößert das Spiel, statt es zu verkleinern. Neben einer Horde behörnter Dämonen und einigen mitgeführten, beweglichen Skeletten, sind es vor allem der Mammon und die Guten Werke, deren Auftritte dafür exemplarisch sind. Jürgen Tarrach darf aus einer riesigen, der Geldtruhe entsteigenden Kröte klettern, ein Alb, der schrecklich auf Jedermanns Gewissen lastet und das wahre Herr-Knecht-Verhältnis zwischen dem Menschen und dem Materiellen mit großer Bestimmtheit betont. Sarah Viktoria Frick dagegen ist als Verkörperung von Jedermanns Guten Werken als zarte, in einer Schachtel sitzende Gliederpuppe mit Menschenkopf die längste Zeit zu schwach, um auf die eigenen Beine zu kommen - und erhält durch die Reue Jedermanns schließlich doch genug Kraft, um diesem in seinem letzten Stündlein beistehen und dem Teufel den Zugang zu ihm verwehren zu können.

An der hochgeklappten hölzernen Pforte, auf der in luftiger Höhe der Glaube hockt (eindringlich: Hans Peter Hallwachs), klettert der rote Teufel (weniger komödiantisch als seine Vorgänger: Simon Schwarz) vergeblich herum und begehrt Einlass, um die ihm zustehende Seele Jedermanns zu holen. Wenn er sich erbost an das Publikum wendet, um Fürsprecher für die Rechtmäßigkeit seines Anspruches zu werben, hat er ein Problem: Die lustvolle Gier nach Leben, die über Leichen gehende Egozentrik, den selbstgefälligen Genussmenschen und Lebemann Jedermann, hat man zuvor keineswegs so vorgeführt bekommen, dass es nun vollmundig von den Tribünen tönen könnte: Recht geschieht ihm! Der Teufel soll ihn holen!

Jedermann als Geschäftsmann

Cornelius Obonya, unter dessen Rollen-Vorgängern sich auch sein Großvater Attila Hörbiger befindet, gestaltet einen mehr geschäftstüchtigen als genusssüchtigen Protagonisten. Dieser Jedermann ist ein ganz normaler Kapitalist von heute ("Mein Geld muss für mich werken"), der sich am erworbenen Reichtum erfreuen möchte, nicht gieriger und bösartiger als andere. "Es ist aus Bosheit nit gewest", bescheidet er dem Schuldknecht (farblos: Fritz Egger), und man glaubt ihm. Da passt es dazu, dass des Schuldknechts Weib (Katharina Stemberger) später bei der Bewirtung der Tischgesellschaft mit pochendem Herzen und großen Augen zu Dienste sein darf, und dass neben dem dünnen und dem dicken Vetter (Stephan Kreiss und Hannes Flaschberger eröffnen auch als Spielansager den Abend) auch der arme Nachbar (unterfordert: Johannes Silberschneider) der Einladung zum Fest nachgekommen ist: Der Gastgeber ist doch nicht so schlimm wie sein Ruf...

Buhlschaft radelt auf der Bühne

Die Führungsrolle in Sachen Ausschweifung und Lebenslust hat eindeutig seine Buhlschaft. Im Fahrrad kommt sie auf die Bühne, umgaukelt und umgarnt im wehenden Sommerkleid ihren Liebhaber, dass es nur so eine Freude ist. Sie tritt in die Pedale, entblößt die Strapse, wackelt mit dem Hintern, klimpert mit den Wimpern und legt sich, ist das Fahrrad einmal beiseite geworfen, mit gespreizten Beinen erwartungsvoll auf die Holzbühne. Mit soviel fordernder Freizügigkeit kann Jedermann nicht wirklich etwas anfangen. Bald schon tauchen jene erste Vorwarnungen und Stimmen auf, die ihm ein nahes, böses Ende androhen und in den majestätischen Auftritten des weiß gewandeten, schlanken, hoheitsvollen Todes (ruhig und intensiv: Peter Lohmeyer) kulminieren. Dass die Buhlschaft bei ihrer Begegnung mit dem Tod rücklings von der Bühne zu stürzen und auf einem Blütenkissen lange reglos liegen zu bleiben hat, ehe sie einen langsamen, stummen, vorwurfsvollen Abgang hinlegen darf, ist eine der Schwächen der Aufführung, die für vieles, aber nicht für alles schlüssige Lösungen gefunden hat.

12-Jährige verkörpert Gott

Als zu Herzen gehende Idee erweist sich die Besetzung von Gott mit der zwölfjährigen Florentina Rucker, die schließlich Jedermanns Mutter (schlicht und ergreifend: Julia Gschnitzer) von der Bühne führt. Trotz aller aufgesetzten Buntheit farblos ist dagegen der Gute Gesell von Patrick Güldenberg. Livemusik des Ensembles 013 zwischen Brass-Band und christlichen Sphärenklängen sowie Tanzeinlagen, die daran erinnern, dass Hauptdarsteller Obonya vor einigen Jahren für das Musical "The Producers" das Burgtheater-Ensemble verlassen hat, deuten an, dass in diese Richtung noch einiges mehr möglich wäre.

Erschöpft, selig und total verdreckt

Doch Crouch und Mertes wollten sich vom mittelalterlichen Vorbildstoff erklärtermaßen ebenso wenig entfernen wie von den ursprünglichen Ideen Max Reinhardts, der das Stück 1920 erstmals auf den Domplatz brachte. Das bringen die Regisseure mit großer, fast übertriebener Ernsthaftigkeit auch zu Ende. Da werden allerlei Engel aufgeboten und Kirchenglocken geläutet. Da tritt Jedermann im weißen Büßergewand dermaßen zerknirscht und bußfertig aus dem Dom, dass es den Teufel ekelt und er sich wieder ins höllische Souterrain verzieht. Da stirbt der reiche Mann auf offener Bühne einen leisen, stillen Tod und wird mit einem weißen Tuch bedeckt. Da beteiligen sich alle, auch die Buhlschaft, an der Begräbniszeremonie und werfen Erde auf seinen Leib. Ein großes, starkes, inniges Schlussbild einer kraftvollen und abwechslungsreichen Neuinszenierung.

Und wer an Auferstehung glaubt, musste nur wenige Momente warten. Dann nahm auch Cornelius Obonya in der Reihe seiner Kollegen die Standing Ovations des Premierenpublikums entgegen. Erschöpft, selig - und total verdreckt. (APA)

Aufgerufen am 17.11.2018 um 08:25 auf https://www.salzburg24.at/themen/salzburger-festspiele/bilderkraft-und-buessertod-im-neuen-jedermann-43522993

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