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Festspiele: Gauck hielt Plädoyer für das "weniger Schlechte"

Joachim Gauck hielt die Festrede zur Eröffnung der 91. Salzburger Festspiele am Mittwoch in der Felsenreitschule. Zweifellos ein schwerer Stand für den 71-jährigen Ex-DDR-Pfarrer, Bürgerrechtler und Bundespräsidentschaftskandidaten, der kurzfristig anstelle des ursprünglich vorgesehenen Globalisierungskritikers Jean Ziegler als Festredner eingeladen worden war.

In seiner Rede hielt er ein Plädoyer für die Auseinandersetzung mit der realen Politik und warnte nach den jüngsten Terrorattentaten vor der Beschneidung bürgerlicher Freiheiten.

Gauck, zweifellos bedeutende und viel gehörte moralische Instanz Deutschlands, stellte die Unfreiheit in der ehemaligen DDR in den Mittelpunkt seiner Rede. "Durch meine schiere Präsenz ist ein Zeichen gesetzt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass freie Menschen in Freiheit und ohne Zensur, ohne den Nachweis des Wohlverhaltens durch die beteiligten Künstler einander in einem Festival begegnen, wo die Freiheit der Kunst und der Künstler einfach zusammengehören."

Gauck rief die Leistungen und Risiken der Vorkämpfer für Demokratie und Bürgerrechte - etwa des früheren tschechischen Präsidenten, Ex-Dissidenten und Dramatikers Vaclav Havel - in Europa in Erinnerung. "In jenen Zeiten wartete keineswegs die Siegerstraße, sondern das Gefängnis auf die Mutigen. Dissidenten - so schien es manchem Herrscher, aber auch Heerscharen von Mitläufern - mussten nicht ganz normal sein, wenn sie nicht taten, was doch offensichtlich für sie gut war. Schließlich können es in solchen Gesellschaften fast alle: Die Wirklichkeit mit den Augen ihrer Unterdrücker sehen. Mancher, der als Jugendlicher noch eigenständig gedacht hatte, war als Erwachsener dazu übergegangen, den Unterdrücker zu einem Teil des eigenen Ich zu machen, lebte also mit einem internalisierten politischen Über-Ich."

Die Verantwortlichen der Festspiele 2011 wollten mit dem Motto "Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschlich Denken" an die geheimnisvollen Fähigkeiten der Kunst erinnern, den Menschen zu dem zu machen, was er sein könnte: "Sensible, schöpferische, mit guten Geist ausgestattete Wesen... Wir wissen, dass wir hinreichend oft in unserem Leben eine Wahl haben - nicht immer nur zwischen Gut und Böse, oft aber zwischen Besser und Schlechter, selbst- oder fremdbestimmt."

Gauck hob die Notwendigkeit hervor, sich mit der realen Politik auseinanderzusetzen. Die Seele brauche zwar Flügel, aber politischen Utopien sie tief zu misstrauen. "Wir tun gut daran, weniger nach der vollkommenen Gesellschaft zu trachten, sondern stattdessen in mühseliger Arbeit das Bessere - oder wenn Sie so wollen: das weniger Schlechte - zu gestalten. Dies bedeutet nicht, sich der Banalität zu verschreiben, es bedeutet der Realität standzuhalten... Wir haben nichts Besseres als das nicht vollkommene, aber lernfähige System aus Freiheit, den Menschen- und Bürgerrechten, der Herrschaft des Rechts und einer ebenso erstaunlichen wie neuen Friedenswilligkeit".

Gegen Ende der Rede streute Gauck dem geladenen Publikum und den Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Kultur in der Felsenreitschule Rosen: "In Salzburg würden sich Menschen treffen, die Freude an Freiheit hätten. An der Freiheit der Erwachsenen, mit anderen Worten, an der Freiheit mit Verantwortung." Und dann warnte Gauck davor, sich von Fanatikern und Mördern Freiheiten wegnehmen zu lassen: "Die Politik ist schlecht beraten, für mehr Sicherheit Freiheitsrechte zu beschneiden." Und schließlich nicht ohne Pathos: "Damit unsere dürstenden Seelen in den unwirtlichen Ebenen der Politik überleben können, haben wir die Künste." (APA)

(Quelle: S24)

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