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Salzburger Festspiele: "Lenz": Berg und Tal, Sturm und Drang

Genügend zum Staunen gab es Freitagabend bei "Jakob Michael Reinhold Lenz" im Republic. APA/Gindl
Genügend zum Staunen gab es Freitagabend bei "Jakob Michael Reinhold Lenz" im Republic.

Nein, die herrliche Holz-Hochschaubahn, die Ausstatter Aurel Lenfert auf die Bühne des Salzburger republic gebaut hat, wird leider nicht in Betrieb genommen. Das bereitstehende Wägelchen wird nur wenige Meter geschoben und die gezimmerte Wellen-Konstruktion dient eher als Bergpanorama denn als Vergnügungspark. Doch auch so gibt es genügend zum Staunen in "Jakob Michael Reinhold Lenz", der zweiten Produktion des diesjährigen Young Directors Projects der Salzburger Festspiele, mit der Freitagabend die 30-jährige Osttirolerin Cornelia Rainer in den Wettbewerb einstieg.

Rainers Freie Gruppe, die das Festspiel-Auftragswerk zur Uraufführung brachte, heißt Theater Montagnes Russes, was übersetzt nichts anderes als Hochschaubahn heißt. Statt wilder Berg-und-Talfahrten gibt es zwei andere Attraktionen an diesem eineinhalbstündigen Theaterabend, der auch als Ergänzung zu der noch ausstehenden, auf dem Lenz-Stück "Die Soldaten" beruhenden Oper von Bernd Alois Zimmermann fungieren soll. Die eine ist die Bühnenmusik der Schweizer Gruppe Schi-Lunsch-Naven, bei der nicht nur eine Glocke und eine Orgel zum Einsatz kommt, sondern vor allem alles Erreichbare als Perkussionsinstrument dient. Die andere ist Burgschauspieler Markus Meyer in der Titelrolle.

Meyer spielt den Sturm-und-Drang-Dichter Lenz (1751-1792), den es im Winter 1778 für 20 Tage in das elsässische Steintal zu Pfarrer Johann Friedrich Oberlin verschlägt, als Getriebenen, dessen manische Schübe die fürsorgliche Pfarrersfamilie auf harte Proben stellen. Ein Suchender, nach Liebe, Anerkennung und einem Platz in der Gesellschaft, der sein Ziel nie erreicht, weil er es ständig ändert. Glücksstrahlend versetzt "Herr Lenz" Oberlin und seine Frau (Manfred Böll und Gertrud Roll) mit exstatischen Deklamationen in Verzückung, um sie im nächsten Moment durch eiskalte Bäder oder plötzliche Rasereien zu verstören. Gegen solche Absonderlichkeiten kennt der Pfarrer nur ein Mittel: Beten, beten und nochmals beten. Es wird viel gebetet und auch viel gesungen in dieser Inszenierung, in der die Musik wichtiger scheint als der Text. Cornelia Rainer hat mit ihrer Dramaturgin Sibylle Dudek nicht einfach die berühmte Büchner-Novelle auf die Bühne gebracht, sondern daraus, sowie aus Briefen Oberlins und aus Texten von Lenz eine eigene Spielfassung erarbeitet, die nicht vorgibt, das Rätsel lösen zu können, was das junge Genie einst umgetrieben hat, sondern seiner Verzweiflung Ausdruck gibt und ihm sein Geheimnis belässt. Langer Applaus. (APA)

(Quelle: S24)

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