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Salzburger Festspiele: Variantenreicher "Faust?-Marathon

Acht Stunden und 15 Minuten ?Faust?: Dieser Marathon an Theaterkunst füllte den Donnerstagabend der Salzburger Festspiele. Ein Versuch, der nicht nur für Zustimmung des Publikums auf der Halleiner Perner Insel sorgte.

Goethes "Faust" gilt als der größte Zitate-Steinbruch deutscher Dichtung. So fände sich gewiss auch ein passender Spruch aus dem Stück, mit dem sich zusammenfassen lässt, was Premierengäste der Salzburger Festspiele gestern Nachmittag, Abend und Nacht acht Stunden 15 Minuten lang auf der Halleiner Perner Insel geboten bekamen. Für Nicolas Stemanns ausufernde Ambition, sich dem Mammut-Werk in seiner Komplettheit zu stellen, böte sich etwa gleich die "Vorrede" an: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Ganz traf dies allerdings nicht zu: Weit nach Mitternacht waren nicht nur die Zuschauerreihen etwas ausgedünnt, sondern mischten sich auch einzelne Buhs in den Jubel. Daher vielleicht lieber ein Zitat aus dem Schluss des über 12.000 Verse umfassenden Opus Magnum: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, hier wirds Ereignis; Das Unbeschreibliche, hier ist es getan."

Jede Zeile wurde inszeniert

Stemann hat die Aufgabe ernst genommen und weder sich noch Ensemble und Publikum etwas geschenkt. Die Menschheits-Tragödie, die den deutschen Dichterfürsten sein Leben lang beschäftigte, wurde in buchstäblich jahrelanger Arbeit auseinandergenommen, mit dem "Anspruch, jede Zeile zumindest mal inszeniert zu haben". Geblieben ist davon glücklicher Weise vor allem ein Running Gag, den einander die Schauspieler zu Beginn der Tragödie zweiter Teil ins Gesicht schleudern: "Faust II - ungestrichen!" Der philosophisch-moralische Erkenntniswert, der sich nach dieser intensiven Auseinandersetzung von der Bühne vermittelt, ist jedoch erstaunlich gering. Über sich selbst und seine Mitmenschen ist an diesem langen Abend wenig Neues zu erfahren. Dafür einiges über Macht und Möglichkeiten des Theaters.

Der Regisseur vernachlässigt bei seinem "Faust"-Kampf die Deckungsarbeit und konzentriert sich auf die Offensive. Dafür befreit er sich zunehmend von der Vorlage, verzichtet aufs Durchbuchstabieren und simples Bebildern, sondern bietet Assoziationsflächen, in denen Goethe schon mal nach Jelinek aussieht und das Theater sich selbst ironisiert. Germanistische Exegeten werden auf die Schaufel genommen, aktuelle Festspiel-Seitenhiebe ausgeteilt (wobei Zitate von Jean Ziegler für Kontroversen im Zuschauerraum sorgen und dabei erahnen lassen, welche Wirkung er mit einer Festspielrede erzielen hätte können). Mit Tanztheater, Puppen- und Maskenspiel, Videos, Projektionen, Live-Zeichnung, Gesang und Musik wird in einer simplen Black Box von Bühnenbildner Thomas Dreißigacker tatsächlich die von Goethes Theaterdirektor in seiner Vorrede geforderte große Theater-Maschinerie angeworfen. Naturgemäß hat der Marathon seine Längen, doch langweilig ist dieser Abend nie.

Mitunter chaotisches Geschehen bei Faust I und II

"Faust I", die auf deutschsprachigen Bühnen bis zum Überdruss gespielte Gretchen-Tragödie, ist auf Sebastian Rudolph, Philipp Hochmair und Patrycia Ziolkowska aufgeteilt. Drei Seelen wohnen, ach, in der Menschen Brust: das Böse, das Gute und der Zweifel. Das innere Ringen wird nicht dialogisch aufgeteilt, sondern mit verstellter Stimme nach außen getragen. Eine radikale Setzung, die vor allem Dank des großartigen Darsteller-Trios aufgeht, doch im Grunde antidramatisch ist (als "postdramatischer Geheimrat" wird "Josef Goethe" Stunden später immer wieder aus dem Altersheim-Bett feixen: "Das kommt alles aus meiner Birne!") und mit viel Mikro-Einsatz als Aneinanderreihung von One-Man-Shows wirkt. Kurzweiliger wird dies durch starke Bildfindungen, um die Stemann noch nie verlegen war: Faust versucht sich aus seiner inneren Stagnation als Aktionskünstler zu befreien, betätigt sich mit dem Reclam-Text in der Hand als Bauchredner, landet statt in Auerbachs Keller in der Disco und versucht die Gretchen-Frage in einem flotten Dreier abzuhandeln. Mit Mutter-Mord und Kerker-Szene endet man jedoch wieder beinahe in der Konvention, berührend und ohne viel Schnickschnack.

Für "Faust II" kommt Verstärkung. Barbara Nüsse begrüßt im Abendkleid als Johann Wolfgang von Goethe das Publikum zum Genuss der doch "gewiss größten Dichtung, die je in deutscher Sprache geschrieben wurde". Josef Ostendorf gibt als furioser Parteitagsredner auf der kaiserlichen Pfalz einen Abriss in moderner Nationalökonomie, bei dem Goethe bewundernd von Dollarnoten blickt. Birte Schnöink verzaubert als unglücklicher Homunculus und in unzähligen anderen Rollen. Friederike Harmsen betört durch Gesang, Tänzer Franz Rogowski fetzt immer wieder über die Bühne und die Puppenspieler "Das Helmi" lassen Max Reinhardt, ein philosophisches Duett und viele andere Puppen tanzen. Es regiert der Genre-Pluralismus, bei dem auch Stemann selbst gelegentlich als Live-Sänger ins mitunter chaotische Geschehen eingreift.

Leerläufe und Volltreffer liegen eng beieinander. Während "Mummenschanz" und "Klassische Walpurgisnacht" auf ihre Art großartig gelöst werden und sich aus dem Liebesglück Faustens mit Helena eine bitterböse Kleinfamilien-Satire entwickelt, verliert Stemann im knallbunten Treiben, an dem Blümchen und Bienchen, die Hippie-Film oder Drogen-Rausch entsprungen sein könnten, ebenso beteiligt sind wie Musical-Choreographien in Glitzerkostümen, immer wieder den Faden. Wie das mit dem ewig Weiblichen, das uns "hinan" ziehen soll, nun eigentlich ist, wie sich Goethes erstaunlich treffsicherer Zukunftsblick zunehmend verdüstert und was uns das sagen könnte, geht unter. Landgewinnung, Menschenvertreibung und Lemuren-Übernahme sind kraftlose Anhängsel statt Höhepunkte vor der finalen Party.

Das Scheitern war vorhersehbar

Im Bewusstsein der Unmöglichkeit seiner Aufgabe hat Nicolas Stemann immer wieder das strebende Bemühen der Goethe-Forscher eingebaut, die sich schon in einzelnen Versen stundenlang zu verheddern wissen. Dass er sich wirklich etwas getraut hat, kann ihm gar nicht hoch genug angerechnet werden. Dass er scheitern werde, war von vornherein klar. Macht aber nichts. Denn für derlei ehrenvolle Niederlagen liefert nicht Goethe, sondern Beckett das passende Zitat: "Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern."

(S E R V I C E - "Faust I + II" von Johann Wolfgang von Goethe, Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Thomas Dreißigacker, Nicolas Stemann, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, Video: Claudia Lehmann. Mit Philipp Hochmair, Barbara Nüsse, Josef Ostendorf, Sebastian Rudolph, Birte Schnöink, Patrycia Ziolkowska sowie Friederike Harmsen (Gesang), Franz Rogowski (Tanz), Felix Loycke und Florian Loycke (Puppenspiel) und Thomas Kürstner, Burkhard Niggemeier, Sven Kaiser und Sebastian Vogel (Musik). Eine Koproduktion des Thalia Theaters mit den Salzburger Festspielen auf der Pernerinsel. Weitere Vorstellungen: 30. Juli, 6., 7., 14., 15., 20. und 21. August, 17 Uhr. Karten: 0662/8045-500, http://www.salzburgerfestspiele.at; Hamburg-Premiere am 30. September, http://www.thalia-theater.de)

(APA)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 19.10.2019 um 11:01 auf https://www.salzburg24.at/themen/salzburger-festspiele/salzburger-festspiele-variantenreicher-faust-marathon-59246575

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