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Salzburgerisch in Gefahr?

"Dialekte in ihrer heutigen Form sterben aus"

Sprachforscher Hannes Scheutz im Gespräch

"Grias enk", "schiach" oder "Naidei" (ist übrigens ein Bussi): Der Dialekt ist die Sprache der Nähe, er macht uns einer Region, einem Ort zuordenbar und besteht aus eigenen Bezeichnungen, Wörtern und Sprachmelodien. Der Salzburger Sprachwissenschafter Hannes Scheutz erläutert, wie schnell sich Dialekte verändern und warum sie in ihrer heutigen Form bald aussterben.

SALZBURG24: Herr Scheutz, sie haben zur Dokumentation des Dialekts sprechende Dialektatlanten erstellt. Dort habe ich gehört: In der Region, wo ich aufgewachsen bin (Straßwalchen), spricht man Brot ganz anders aus, als ich das mache.

Bei den sprechenden Atlanten wählt man einen Begriff, einen Satz, eine Phrase und einen Ort aus: Mit einem Klick hört man, wie dort gesprochen wird.

Das finde ich ganz bezeichnend, dass Sie erst durch das Anhören im Atlas draufgekommen sind, dass man es dort vielleicht anders sagt. Sie sind ja immerhin dort aufgewachsen. Sie sagen sicherlich für spielen auch „spün“ und für stellen „stön“ und für stehlen „stöln“. Die Salzburger-Formen aus Ihrer Gegend wären eigentlich „spiin“ und „stehn“ und „stelln“. Das wissen die jüngeren Leute nicht mehr. Es sind aber die Originalformen, die hat es vor 40, 50 Jahren noch gegeben. Ich stelle immer wieder fest, dass die kleinregionalen und kleinlokalen Besonderheiten rasant verschwinden.

Also verschwinden auch im Dialekt Wörter und Aussprechweisen.

Veränderung geschieht auf allen Ebenen. Das, was der normale Sprachbenutzer am ehesten feststellt, sind Wörter. Auf der Lautebene ändert sich etwas, aber auch im Satzbau oder bei den Wortformen. Bis hin zu Kommunikationsformen – wie begrüßt oder verabschiedet man sich – ist alles einem heftigen Wandel unterworfen. Und beim dialektalen Wortschatz ist es eben so, dass es viele Dinge aus der bäuerlichen Lebenswelt einfach nicht mehr gibt.

Heute gibt es kaum mehr ein Ereignis, sondern nur mehr Events. Es gibt keine Örtlichkeiten, sondern nur noch Locations. So kommen Begriffe abhanden, weil man glaubt, diese standardnäher ausdrücken zu müssen.

Ich kann das aus meinem eigenen Dialekt sagen. Wir haben „trüffein“ gesagt. Heute „trüffeit“ niemand mehr, heute ratschen sie. Und in 30 Jahren werden sie nur mehr chatten. Bei uns und im Lungau sagt man auch, wenn jemand handwerklich geschickt ist: „Dea hot an Pfochtl“. Im Pinzgau sagt man statt manchmal „an diam“. Oder „a Poisl“ für eine kleine Weile.

 

Ist es gut oder schlecht, wenn sich Dialekte so stark verändern?

Das hat keine Bewertung. Es ist zwangsläufig so. Der Dialekt per se verändert sich nicht. Was sich verändert, sind die Sprecher. Mit den Sprechern ändert sich zwangsläufig ihre Kommunikationsform, ihre Ausdrucksform und damit der Dialekt. Es ist weder gut, noch schlecht. Es ist anders. Und man neigt dazu Dinge, die anders sind, abzuwerten.

In dem Zusammenhang stehen wohl auch die Befürchtungen, dass der Dialekt ausstirbt. Steht uns das in Salzburg bevor?

In Norddeutschland, wo das bereits der Fall ist, sind die Dialekte in der Struktur total verschieden von der Standardsprache. Da kann man nur das eine oder das andere sprechen. Dort haben die Dialekte ein noch geringeres Prestige gehabt, als bei uns. Hier ist es so, dass es ein großes Variantenspektrum gibt: Ich habe, ich hab, ich hob, ich ho. Es ist aber sicher so, dass der Weg hingeht zu einer regionalen Umgangssprache, die keine lokalen Merkmale mehr aufweist. Das geht unterschiedlich rasant voran, je nachdem, ob man am Land im alpinen Raum lebt, im flachen Gebiet oder in der Stadt. Aber die Tendenz ist ganz klar: Dialekte in ihrer Form, wie es sie heute noch gibt, sterben tatsächlich aus.

Wörter vergehen von heute auf morgen. Bestimmte Lautungen lassen sich schwieriger abbauen. Am stabilsten hält sich die Melodie der Sprache. Da erkennt man einen Wiener auch, wenn er Standardsprache spricht.

Wenn sich das laufend verändert, kann man es überhaupt dauerhaft dokumentieren?

Man könnte es theoretisch ständig dokumentieren, aus forschungspraktischen Gründen tut man es aber nicht. Sondern man nimmt auf, wie es im Moment ausschaut. Ich nehme für die Grundmundart eine Person, die kompetent ist, darüber Auskunft zu geben. Das sind meistens ältere Leute aus dem bäuerlichen Bereich. Dann nehme ich eine jüngere Person auf, die eine durchschnittliche Arbeitskarriere hingelegt hat, aber auch aus dem Ort stammt und dort aufgewachsen ist und schaue, was gibt es an Unterschieden.

Wobei ich nicht behaupten würde, dass in dem Ort alle so reden. Das, was heute die jüngeren Leute sprechen, – eine Art regional eingefärbte Umgangssprache – ist wahrscheinlich Dialekt, wie er in 30, 40 Jahren gesprochen wird.

 

Ist es schwierig geworden, jemanden zu finden, der noch einen ursprünglichen Dialekt spricht?

Jein. Insofern ja, als es – abgesehen vom inneralpinen Raum – viele Gebiete gibt, wo die Leute von sich selbst annehmen, sie reden nicht mehr Dialekt. Zu Unrecht. Dort findet man schwer Leute, die überhaupt als Gewährspersonen in Frage kommen. Andererseits muss man sagen, auch der Altbauer bei uns spricht anders, als seine Großmutter. Das heißt, auch das, was man als ursprünglichen Dialekt bezeichnen könnte, verändert sich.

Jetzt gibt es in Salzburg nicht nur den einen Dialekt. Gibt es Aufzeichnungen, wie viel verschiedene es in unserem Bundesland sind?

Nein, das kann man so nicht beantworten. Im deutschen Sprachraum gibt es unterschiedlich große Dialektgruppen. Unsere Dialektgruppe ist das Bairische. Das ist der größte deutsche Dialektverband mit ca. 15 Millionen Sprechern. Und die meisten davon sind in Österreich daheim. Das Bairische kennzeichnet, dass das a zu o geworden ist. Statt Katze sage ich Kotz, statt Wasser sage ich Wossa. Wenn ich aber weiterfrage, gibt es in diesem Verband einen Bereich, wo das l zu einem i wird: Schui, Goid, Woid. Und das ist das Gebiet zwischen München und Wien. Je mehr Merkmale ich hineinnehme, desto kleinteiliger wird meine Dialektskala und irgendwann lande ich dann beim Dialekt von Straßwalchen oder Uttendorf. Und dann finde ich sogar unterschiedliche Formen in Straßwalchen.

Wobei man sagen muss, dass viele Dialekte das Meiste gemeinsam haben. Das, was uns auffällt, sind die paar Dinge, die sie unterscheiden.

Sie haben vorher gesagt, dass dem Dialekt das Prestige fehlt. Woran könnte das liegen?

Im Süden des deutschen Sprachraumes ist er besser bewertet als im Norden. Auch bei uns schaut es nicht so schlecht aus. Aber es ist so, dass dem Dialekt das Bäuerliche, Rückständige anhaftet. Das hat damit zu tun, dass der Dialekt als Sprache der Nähe für die Kommunikation im kleinen Umfeld verwendet wird. Wenn es überregional geht, ist er nicht so angesagt. Was ok ist, ich will ja nicht behaupten, dass wir keine Standardsprache können sollen. Ich will, dass wir möglichst viele Sprachen können und der Dialekt ist eine davon. Aber es gibt heute die Tendenz zu glauben, dass Kinder sich in der Schule schwerer tun, wenn sie im Dialekt aufwachsen. Das ist blühender Unsinn, das Gegenteil ist richtig. Das ist ein hartnäckiger Sprachmythos.

Dann gibt es viele, die den Dialekt nett finden, aber selbst verwendet man ihn nicht. Vor einiger Zeit hat es noch kompensatorischen Sprachunterricht gegeben, damit jene Kinder keine Chancenungleichheit haben, die dialektal aufgewachsen sind.

Würde es das heute umgekehrt brauchen? Dass man Dialekt noch dazulernt, damit es ihn länger gibt?

Könnte man natürlich augenzwinkernd vorschlagen (lacht). Aber es ist insofern an der Realität vorbei, als man für alles, was der Dialekt vermittelt – Nähe, Vertrautheit – offensichtlich auch die Standardsprache hernehmen kann. Die umgekehrte Version, dass man mit Dialekt auch überregional kommunizieren kann, ist wahrscheinlich schwerer zu bewerkstelligen.

Herr Scheutz, vielen Dank für das Gespräch!

Habt ihr Lieblingswörter im Dialekt? Schreibt sie uns in die Kommentare!

(Quelle: SALZBURG24)

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