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Tragisches Schicksal

Was die Diagnose Neuroborreliose bedeutet

Salzburger spricht über sein jahrelanges Leiden

Was bei einer medizinischen Fehldiagnose passieren kann, das hat ein Ehepaar aus der Flachgauer Gemeinde St. Georgen am eigenen Leibe erfahren müssen. Erika und Heinz Strohmeiers besonderes Anliegen ist es, auf die von Zecken übertragbare Krankheit Borreliose aufmerksam zu machen. Ihren Lebensmut haben die beiden trotz alledem nicht verloren. Uns haben sie ihren tragischen Leidensweg anvertraut.

Sankt Georgen bei Salzburg

Es ist heiß, als wir Familie Strohmeier im Juli im St. Georgener Ortsteil Obereching besuchen. Die Sommersonne brennt gnadenlos vom Himmel herab. "Solches Wetter vertrage ich überhaupt nicht", klagt Heinz und beginnt zu grinsen: "Bei diesen Temperaturen halte ich mich lieber in der kühlen Garage auf." Der 49-Jährige leidet an einer Neuroborreliose und lebt mittlerweile von der Invaliditätspension. "Ich glaube, wenn es von Anfang an richtig behandelt worden wäre, dann wäre das alles nicht passiert", sagt er im Gespräch mit SALZBURG24. Den Lebensmut haben er und seine Ehefrau Erika trotzdem nicht verloren. Doch von Anfang an.

Mit grippeähnlichen Symptomen zum Arzt

Vor etwa sechs Jahren – im Jahr 2014 – dürfte ein unbemerkter Zeckenstich Grund allen Übels gewesen sein. Heinz Strohmeier, gelernter Elektriker und Kältetechniker, bekam plötzlich heftige Fieberschübe. Mit Grippesymptomen ist das Ehepaar dann zur Hausärztin gegangen. "Ich habe eine irrsinnige Wesensveränderung bei ihm festgestellt", erinnert sich Erika bei unserem Besuch. "Weil er auch so viel gearbeitet hat, dachte ich, er rennt in den Burnout." Die damalige Hausärztin habe ihn dann auf Grippe behandelt – vergeblich. Als die Medizinerin im Urlaub war, habe ihre Vertretung erstmals den Verdacht geäußert, dass die Erkrankung von Heinz eine neurologische Ursache haben könnte. Also wurde eine Überweisung in die Christian-Doppler-Klinik (CDK) ausgestellt.

"Schlag auf Schlag schlechter geworden"

Beim ersten Termin im Salzburger Spital wurden Flecken auf der Kopfhaut des heute 49-Jährigen festgestellt. Weil jedoch kein Bett mehr frei war, wurde er für zwei Tage nach Hause geschickt. "Als wir dann wieder in der CDK waren, wurde Multiple Sklerose bei mir diagnostiziert", sagt Heinz. Also habe man ihm Cortison verabreicht. "Das ist dann Schlag auf Schlag schlechter geworden", schildert er rückblickend. Das Cortison habe dazu geführt, dass Heinz temporär nicht mehr gehen und sprechen konnte. Zwischenzeitlich hat das Ehepaar bereits das Schlafzimmer aus dem ersten Stock ihres Einfamilienhauses ins Erdgeschoss verlegen müssen, "weil ich die Stiegen nicht mehr bewältigen konnte".

Multiple Sklerose statt Borreliose

Erika: "Ich habe die Ärzte damals im Klinikum gefragt, ob er schon mal auf Borreliose getestet worden war. Das wurde bejaht, die Werte waren für eine Behandlung jedoch zu gering." Trotzdem bekam Heinz damals Medikamente gegen Borreliose, die auch positiv angeschlagen hätten. Dennoch beharrten die Ärzte auf der Diagnose Multiple Sklerose. "'Ich müsse die Krankheit annehmen', sagte der behandelnde Arzt damals zu mir."

Interview Familie Strohmeier, Neuroborreliose, Borreliose, SALZBURG24 / Marcel Wurzer
Beim Interview musste das Ehepaar immer wieder mit den Tränen kämpfen.

Wegen der Flecken auf dem Kopf musste er sich auch einer Gehirn-OP und Blutwäsche unterziehen. "Das haben wir natürlich auch machen lassen, weil wir das nicht infrage gestellt haben." Eine Verbesserung des Gesundheitszustands stellte sich nicht ein. Im Gegenteil, Heinz ging es immer schlechter, schildert Erika unter Tränen ihr Erlebtes.

Erste Besserung kam mit Antibiotikum

Schließlich konnte in der CDK nicht mehr weitergeholfen werden. "Am gleichen Tag haben wir einen weiteren Arzt in der Landeshauptstadt konsultiert". Dieser habe ihm mitgeteilt, dass er höchstwahrscheinlich an einer Neuroborreliose leide. Anschließende Tests bestätigten diese Diagnose. Dass es bei der sehr selten vorkommenden Neuroborreliose verschiedene typische Verlaufsformen gibt, erklärt der Salzburger Neurologe Christian Bsteh im S24-Interview.

"Mit der ersten Flasche Antibiotikum habe ich sofort eine Verbesserung festgestellt", blickt Heinz zurück. Die bakterielle Krankheit Borreliose ist – sofern sie rechtzeitig erkannt wird – recht einfach und sicher mit dem Medikament zu behandeln. "Ich wusste gar nicht, was das ist. Ich war ja früher auch oft im Wald, also ist das schon irgendwie nachvollziehbar", blickt Heinz zurück.

Interview Familie Strohmeier, Neuroborreliose, Borreliose, Medikamente SALZBURG24 / Marcel Wurzer
S24-Redakteur Thomas Pfeifer (re.) hat Familie Strohmeier in St. Georgen besucht.

Anschließend wurde ihm eine achtwöchige Reha in Großgmain (Flachgau) verschrieben – das war im Frühjahr 2015. Danach kam es den Schilderungen des Ehepaars zufolge erneut zu Lähmungen in der linken Gesichtshälfte. "Meine Tochter und ich dachten, das sei psychischer Natur", so Erika. Also ging es wieder in die CDK, wo trotz Neuroborreliose-Diagnose eines Arztkollegen wieder Cortison verabreicht werden sollte.

Linke Gesichtshälfte gelähmt

"Nach kurzzeitiger Behandlung von Cortison und Antibiotikum habe ich meinen Ehemann aus dem Krankenhaus geholt. Sein Gesicht war wie eingeschlafen, alles hing runter." Er sei stundenlang auf dem Sofa gelegen und konnte nur in eine Ecke schauen. Erika: "Das war ein Anblick, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es war ein großer Albtraum." Große Angst habe sie damals gehabt, aber auch viel lernen können. "Ich hatte immer das Gefühl, das wir es schaffen und habe für mich lernen müssen, dass man auch zu einem kranken Menschen 'Nein' sagen darf." Man solle nicht darüber urteilen, wenn man nicht selbst in der Situation steckt, meint Erika.

Interview Familie Strohmeier, Neuroborreliose, Borreliose, Medikamente SALZBURG24 / Marcel Wurzer
Man darf das Vertrauen in die Medizin nicht verlieren, betont Erika Strohmeier: "Ich habe ganz großen Respekt vor jedem Arzt, jeder Krankenschwester und jedem Pfleger."

Über das eigene persönliche Umfeld wurde schließlich der Kontakt zu einer Ärztin in der Steiermark hergestellt, die auf die Therapie von Borreliose spezialisiert ist. "Die ersten zwei Jahre waren wir fast alle vier Wochen in der Praxis von Frau Dr. Schäfer." Seitdem gehe es wieder langsam bergauf, sogar der Befund habe sich verbessert. Heute konsultiert das Ehepaar die Ärztin etwa zwei Mal pro Jahr, "außer es geht ihm ganz schlecht".

Strohmeier über "Nebel im Kopf"

Die Spätfolgen manifestieren sich bei Heinz in Sprachproblemen und Schwierigkeiten bei Motorik und Koordination des eigenen Körpers. Noch immer muss er täglich Medikamente nehmen. "Es ist an jedem Tag verschieden. Mal geht es eine Woche ganz gut, dann wieder schlecht und ich liege nur im Bett und kann vor lauter Müdigkeit und Erschöpfung nichts tun."

Interview Familie Strohmeier, Neuroborreliose, Borreliose, Medikamente SALZBURG24 / Marcel Wurzer
Täglich muss Heinz Strohmeier Medikamente einnehmen.

Dazu komme der "Nebel im Kopf", erklärt Heinz und führt aus: "Das fühlt sich an wie im Rausch, ich kann keinen klaren Gedanken fassen oder ein längeres Gespräch führen." Zurzeit gehe es dem Ehepaar grundsätzlich "ganz gut, denn mittlerweile können wir ein bisserl was für unser Zuhause machen und wir haben wieder mehr Lebensfreude."

Unterstützung von Familie, Freunden und Arbeitgeber

Besondere Unterstützung seitens der Krankenkasse habe es bis dato nicht gegeben, mit Ausnahme von Kranken- und Reha-Geld. Es habe vor einiger Zeit auch die Möglichkeit gegeben, die CDK über einen Patientenanwalt auf Schadenersatz zu klagen. "Einem Gutachten zufolge hatte das Spital keine Schuld. Aber wir hatten einfach nicht die Kraft vor Gericht zu ziehen und alles nochmals über uns ergehen zu lassen", so Erika. Große Hilfe und Anteilnahme erhielt das Ehepaar hingegen vor allem von der Familie und dem persönlichen Umfeld in der kleinen Flachgauer Gemeinde. In besonderer Erinnerung ist ihnen Heinz' ehemaliger Arbeitgeber "Kältetechnik Reindl" geblieben, zu dem der Kontakt auch nach Jahren nicht abgerissen ist. "Wir können uns gar nicht so oft bedanken, wie wir es wollen", schildern die Strohmeiers mit Tränen in den Augen.

Trotz ihrer schicksalhaften Erfahrungen hegt das Ehepaar keinen Groll. Sie haben das Vertrauen in die handelnden Personen nicht verloren: "Ich habe ganz großen Respekt vor jedem Arzt, jeder Krankenschwester und jedem Pfleger", betont Erika. "Man darf auch nicht das Vertrauen verlieren und sollte sich im Zweifel lieber eine zweite oder dritte Meinung einholen", pflichtet Heinz seiner Ehefrau bei.

(Quelle: SALZBURG24)

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