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Anschlag in Wien

"Der Attentäter war nur eine Marionette"

Terrorismus-Experte im S24-Interview

Der Terroranschlag in Wien am Montagabend werde nicht der letzte auf österreichischem Boden bleiben, ist sich Terrorismus-Experte Shams Ul Haq sicher. Der muslimische Journalist und Autor spricht im SALZBURG24-Interview über dschihadistische Netzwerke in Österreich, erklärt die Wahl des Tatzeitpunktes und fordert, dass nach der Tat die richtigen Schlüsse gezogen werden.

Shams Ul Haq kam mit 15 Jahren nach Deutschland, seit 2007 arbeitet er als Investigativ-Journalist in Libyen, Syrien, Afghanistan und Pakistan. In Österreich war er sechs Monate lang in Wien und Graz in der islamistischen Szene unterwegs. Seine Erfahrungen und Recherchen fasste er in seinem Buch "Eure Gesetze interessieren uns nicht!" zusammen. Der Terroranschlag von Wien kommt für ihn nicht überraschend.

Shams Ul Haq Privat
Shams Ul Haq hat Einblick in die islamistische Szene Österreichs.

SALZBURG24: Herr Ul Haq, nach den Vorfällen in Frankreich nun auch ein terroristischer Anschlag in Wien. Warum gerade jetzt?

SHAMS UL HAQ: Die Islamisten haben die Beleidigung des Propheten Mohammed für ihre Zwecke ausgenutzt und den Attentätern – wie jenem 20-Jährigen in Wien – erklärt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um anzugreifen.

Der Anschlag von Montag wird nicht der letzte in Österreich gewesen sein.

Der blutige Terroranschlag in Wien hat mindestens vier Todesopfer und zahlreiche Schwerverletzte gefordert – unter den...

Gepostet von SALZBURG24 am Montag, 2. November 2020

Sie gehen davon aus, dass die Taten in Frankreich mit dem Terrorakt in Wien in Verbindung stehen?

Ja, natürlich!

So eine Tat wie in Wien kann natürlich nicht von heute auf morgen passieren. Dieser Akt ist von langer Hand geplant. Die Taktik der Terroristen ist aber immer auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.

Als Täter identifiziert wurde bislang einzig ein 20-jähriger Doppelstaatsbürger mit nordmazedonischen Wurzeln. Er hatte sich schon in der Vergangenheit zum IS bekannt.

Ich habe Videos von Montagabend gesehen: Der Attentäter von Wien war nicht besonders gut ausgebildet. Daher hatten wir Glück. Wir müssen nun aus den Fehlern lernen.

Der 20-Jährige ist hier nur eine Marionette oder ein Bauer der Hintermänner. Das Problem ist, wir haben bisher nicht herausgefunden – um im Schach-Jargon zu bleiben – wer König und Dame sind.

Was ich kritisiere: Der Attentäter von Wien hat sich ja bereits zuvor zum IS bekannt und wurde von den Behörden als Gefährder eingestuft. Warum wird so jemand nicht überwacht, in ein Resozialisationsprogramm gesteckt oder des Landes verwiesen?

Wie viele solcher so genannter "Gefährder" gibt es Ihres Wissens nach in Österreich?

Wir hatten 2018 laut Geheimdienst etwa 330 so genannte Gefährder in Österreich, die Dunkelziffer ist womöglich höher. Wenn man deren Gefährlichkeit nicht einschätzen kann, muss man ihnen elektronische Fußfessel anlegen.

Aber da fängt es ja schon an: Wen definiere ich als Gefährder?

Aktuell ist das Land im Ausnahmezustand. Wie wird es Ihrer Meinung nach nun weitergehen?

Erstmal wird wieder Ruhe einkehren. Sämtliche Hintermänner werden versuchen, dass die Behörden so wenige Informationen wie möglich sammeln können. Dann wird man ein, zwei Jahre warten, bis wieder der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Was müssen wir aus dem Anschlag von Wien lernen?

Die Behörden in Österreich müssen sich nach dem Anschlag vor allem einer Tatsache bewusst werden: Dass es in Österreich solche terroristischen Netzwerke gibt.

Der Verfassungsschutz hat ein Problem: Ich bin mir sicher, dass er in solchen Netzwerken Verbindungsmänner, so genannte V-Männer, hat. Aber diese spielen doppeltes Spiel, sind also in Wahrheit aufseiten der Terroristen.

Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass die Verknüpfung der Netzwerke Österreichs nach Deutschland und in die Schweiz geht. Hier sind Tschetschenen, Araber, Türken und Menschen mit anderen Nationalitäten dabei.

Wie sieht die Planung solcher Terrorakte in der Regel aus?

Die Netzwerke in Österreich sind seit 2015 oder 2016 aktiv. Sie arbeiten mit Zweithandys, kommunizieren via Internetcafés über Nachrichtendienste wie Telegram, wo sie nicht so leicht erwischt werden können.

Treffen finden häufig in Hinterzimmern von Moscheen statt. Zunächst wird eine Gruppe gebildet, dort werden gemeinsam Videos angesehen, hier werden die Mitglieder von einem Führer für terroristische Zwecke radikalisiert.

Die jungen Leute, die radikalisiert werden, haben oft Probleme, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. In einem Netzwerk bekommen sie das Gefühl, dazuzugehören, sie fühlen sich dort wohl.

Wie können wir eine solche Radikalisierung verhindern?

Das Allerwichtigste ist, dass wir mit den in Österreich lebenden Gefährdern sozialpädagogisch arbeiten. Sie müssen eine Chance im Leben bekommen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Dafür brauchen wir Sozialpädagogen mit Migrationshintergrund.

Auch die Politik sollte sich mit den Gefährdern an einen Tisch setzen und reden. Was sind die Probleme dieser Menschen? Man muss mit dem „Feind“ reden, um ihn zu verstehen.

Wir müssen jetzt auch präventiv arbeiten. Jeder Gefährder kann wieder neue Mitglieder gewinnen. Wir müssen verhindern, dass potentielle Mitglieder an die falschen Menschen gelangen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 28.11.2020 um 04:33 auf https://www.salzburg24.at/news/oesterreich/anschlag-in-wien-terrorismus-experte-im-interview-95124787

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