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100 Jahre Erster Weltkrieg: Großes Elend im Kriegsgefangenenlager

Gleich nach Beginn des Ersten Weltkrieges sind im Herbst 1914 in Salzburg die Vorbereitungen für ein riesiges Kriegsgefangenenlager getroffen worden.

Bis zu 40.000 Gefangene und auch Flüchtlinge wurden von 1915 bis 1920 nahe der Salzburger Stadtgrenze in Grödig und Niederalm in Baracken gepfercht. Das Elend war wegen Krankheiten und der Lebensmittelknappheit in den späteren Kriegsjahren groß.

"Das Lager bestand aus mehreren Teilen. Es gab ein klassisches Kriegsgefangenenlager und ein Flüchtlingslager für Menschen, die vor der russischen Armee geflüchtet sind oder die abgesiedelt wurden", erzählte Oskar Dohle, Direktor des Salzburger Landesarchivs und Buchautor, im APA-Gespräch.

Anhang(2) Salzburg24
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APA/ Salzburger Landesarchiv

 

Salzburger Behörden überfordert

Die Kriegsgefangenen waren vorwiegend Russen, aber auch Serben und Ostasiaten. Die Flüchtlinge, die ins Land strömten, kamen aus Osteuropa, der damaligen Donaumonarchie und der Westukraine. "Das Lager in Salzburg war aber nicht besser oder schlechter als andere Lager", sagte Dohle. Die Behörden seien wegen der großen Anzahl von Menschen überfordert gewesen. "Ab Winter 1915/16 wurde es langsam dramatisch wegen der immer schlimmer werdenden Versorgung mit Lebensmitteln."

Kriegsgefangenenlager in Grödig

Dohle wies darauf hin, dass nicht nur in Grödig ein großes Kriegsgefangenenlager errichtet worden war, sondern auch in Mauthausen und in Ranshofen im benachbarten Oberösterreich. Der damalige Linzer Bischof habe den Kriegsgefangenen in Mauthausen Mut zugesprochen und sich dort das Fleckfieber geholt. "Er ist daran gestorben." Bischof Rudolph Hittmair, der sich zum Krankenpfleger ausbilden ließ, war am 5. März 1915 der ansteckenden Krankheit erlegen. Rund 8.000 serbische Kriegsgefangene sind am Friedhof des 1. Weltkrieges in Mauthausen begraben. Das dortige Lager befand sich übrigens in einem anderen Mauthausener Ortsteil als das spätere Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg.

Mehr Menschen in Baracken, als in der Stadt Salzburg

Im April 1915 kamen die ersten großen Gefangenentransporte in Grödig an. Gegen Kriegsende lebten in den rund 300 Baracken des Kriegsgefangenenlagers rund 40.000 Menschen und damit um einige tausend mehr als die Stadt Salzburg Einwohner hatte: rund 35.000. Für soziale Kontakte und zur Ausübung der jeweiligen Religionen standen den Insassen eine Theaterbaracke, eine Bibliothek, Kirchen und ein muslimischer Gebetsraum zur Verfügung.

Lager in Grödig war „Russenlager"

Da ein Großteil der Gefangenen Russen waren, wurde das Lager in Grödig von der Bevölkerung als "Russenlager" bezeichnet. Wie in anderen Lagern auch traten zahlreiche Infektionskrankheiten auf. Es soll Tage gegeben haben, an denen 40 Menschen starben. Laut der Grödiger Gemeindechronik sind während der Lagerzeit über 2.000 Menschen gestorben, wie die Salzburger Historikerin Gerda Dohle der APA erklärte. "Die Zahl dürfte aber um einiges mehr gewesen sein." Zeitzeugen berichteten von 17.000 bis 23.000 Toten.

Gedenkfeier an Opfer

Der "Russenfriedhof" in Grödig erinnert noch heute an das Gefangenenlager. Am 15. November 2014 findet dort eine Gedenkfeier statt. "Ungefähr 3.800 Personen sind auf dem Russenfriedhof begraben", schilderte Friedhofswärter Sepp Haslauer. "Das waren vorwiegend Russen, Serben und Italiener. Vom Glaubensbekenntnis her waren sie russisch-orthodox, jüdischen Glaubens, Katholiken und Muslime. Es wurden auch etwa 800 Kinder bestattet, sie kamen aus dem ehemaligen Flüchtlingslager aus der Vojvodina."

Das österreichische Schwarze Kreuz ist mit der Pflege des "Russenfriedhofes" betraut. Es kommt auch für die Kosten auf, die bei Allerheiligensammlungen hereingebracht werden.

Im April 1918 kam es in Grödig zu einem Lageraufstand, an dem sich rund 3.000 Insassen beteiligten. Er wurde vom Militär unblutig beendet. Nach Kriegsende wurde das Gefangenenlager aufgelöst. Ein kleiner Bereich diente in der Zwischenkriegszeit als Lehrlings-Erholungsheim, nach 1938 wurde es in eine "Führerschule" der Hitlerjugend umfunktioniert. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges fanden Flüchtlinge in den übrig gebliebenen Baracken eine Unterkunft. (APA)

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 29.09.2020 um 04:25 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/flachgau/100-jahre-erster-weltkrieg-grosses-elend-im-kriegsgefangenenlager-44973400

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