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106 Jahre

Marko Feingold ist tot

Ältester Holocaust-Überlebender Österreichs

Marko Feingold, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg, ist tot. Feingold starb am Donnerstag im Alter von 106 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.

Salzburg

Der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs blieb bis zuletzt aktiv – geistig, wie sportlich. Noch im Juni dieses Jahres kickte Feingold die Integrationsfußball-WM in Salzburg an. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg fand dabei Worte der Toleranz. "Keiner hat dem anderen etwas vorzuwerfen. Die Religionen sind gleich, nur die Feiertage sind verschieden."

Marko Feingold bei der Integrations-Fußball-WM 2019 in Salzburg APA/HEIKO MANDL
Marko Feingold, mit 106 Jahren ältester Holocaust-Überlebender Österreichs, hat am Donnerstag, 20. Juni 2019, die Integrationsfußball-WM in Salzburg mit Red-Bull-U12-Coach Dusan Svento angekickt. Im Bild: (v.l.) Marko Feingold und Thomas Ebner. 

Marko Feingold kämpfte gegen das Vergessen

Marko Feingold wurde am 28. Mai 1913 in Neusohl in der heutigen Slowakei geboren, das damals im Gebiet der k & k Österreichisch-Ungarischen Monarchie lag. Er besuchte in Wien die Volks-, Bürger- und Handelsschule und war dort anschließend als Handelsangestellter tätig. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich flüchtete er 1938 in die Tschechoslowakei. Am 6. Mai 1939 wurde er von der Gestapo in Prag verhaftet. Es folgten Gefängnis und Konzentrationslager in Auschwitz, Neuengamme bei Hamburg, Dachau und Buchenwald, von wo er am 11. April 1945 durch die US Armee befreit wurde.

Seit Mai 1945 lebte Hofrat Marko Feingold in der Stadt Salzburg. Gleich nach seiner Ankunft stellte er sich in den Dienst der politisch Verfolgten. 1948 gründete er mit Eduard Goldmann, der gleichfalls aus dem KZ Buchenwald kam, ein Modengeschäft, das er bis 1977 als selbständiger Kaufmann führte. Gleichzeitig hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, weiterhin den aus den Konzentrationslagern befreiten Menschen und den zahlreichen Flüchtlingen aller Religionszugehörigkeiten zu helfen. Speziell jüdischen Überlebenden verhalf er – manches Mal unter abenteuerlich anmutenden Bedingungen - zur Auswanderung. Darüber wird in der im Jahr 2000 veröffentlichten Autobiographie „Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh: Eine Überlebensgeschichte“ (Verlag Spuren der Zeit) ausführlich berichtet.

In den Jahren 1946 und 1947 sowie seit 1978 war er Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg. Nach dem Wiederaufbau der Synagoge 1958 wurde das 100-jährige Jubiläum 2001 feierlich begangen. Es ist sein großes Verdienst, in Salzburg äußerst sensibel und sehr effizient für die christlich-jüdische Verständigung gearbeitet zu haben. Dank seiner energischen Persönlichkeit und seines großen Einsatzes hat er immer wieder in einem humanistisch zu verstehenden Sinn auf die ältere und neuere Geschichte der jüdischen Gemeinde in Salzburg hingewiesen und so einen wesentlichen Beitrag zur umfassenden Aufarbeitung der historischen und aktuellen Ereignisse geliefert. Er tat dies u.a. in unzähligen Vorträgen vor Schülern, Studenten und Journalisten. In Buchform erschienen ist 1993 „Ein Ewiges Dennoch“, hrsg. von Marko Feingold, Böhlau Verlag.

Kraft seines Engagements hatte er zahlreiche öffentliche Ämter inne:

  • Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg
  • Ehrenpräsident aller Kultusgemeinden Österreichs
  • Mitarbeit in der Europäischen Akademie für Wissenschaft und Künste
  • Präsident des Vereins Jüdisches Kulturzentrum Salzburg


Hofrat Feingold wurde für sein engagiertes Handeln mit zahlreichen öffentlichen Auszeichnungen geehrt u.a.:

  • 1977 Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs
  • 1985 Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik
  • 1985 Bürgerbrief der Stadt Salzburg
  • 1988 Goldenes Verdienstzeichen des Landes Salzburg
  • 1988 Wappenmedaille der Landeshauptstadt Salzburg in Gold
  • 1991 Berufstitel Hofrat
  • 1993 Ehrenbecher des Landes Salzburg
  • 1998 Goldenes Ehrenzeichen des Landes Salzburg
  • 2003 Ring der Stadt Salzburg
  • 2008 Ehrenbürger der Stadt Salzburg

Marko Feingold überlebte mehrere KZ

Er überlebte fünf Jahre in mehreren Konzentrationslagern, half nach dem Krieg Tausenden Juden bei der illegalen Auswanderung nach Israel und war bis zuletzt ein wacher und unermüdlicher Kämpfer gegen das Vergessen der NS-Gräueltaten: Am Donnerstag ist Marko Feingold, seit 1979 Präsident der kleinen Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, im Alter von 106 Jahren gestorben.

Der älteste Holocaustüberlebende Österreichs war einer der wenigen Juden, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Salzburg zurückgekehrt sind. Dabei war es Zufall, dass sich Feingold in der Festspielstadt niederließ. Am 11. April 1945 wurde das KZ Buchenwald von den Amerikanern befreit. Österreich kümmerte sich aber nicht um die Heimholung seiner Häftlinge. In einem letztlich selbst organisierten Transport wollten 128 Überlebende nach Wien fahren. Doch an der Demarkationslinie an der Enns gab es Probleme, bei der Rückfahrt nach Deutschland stieg Feingold spontan in Salzburg aus.

"Flüchtling im eigenen Land"

Als "Flüchtling im eigenen Land", hat er sich dabei bezeichnet. Denn die Tausenden Überlebenden der Konzentrationslager, die es als "displaced persons" (DPs) nach Salzburg verschlug, wollte man dort genau so wenig, wie die Juden, denen vor 1938 die Flucht ins Exil gelungen war. Sie wurden offiziell nie zur Rückkehr eingeladen oder aufgefordert.

Schon kurz nach seiner Ankunft wurde Feingold die Leitung der Verpflegungsstätte für ehemalige KZ-Häftlinge übertragen, später auch die Administration mehrere DP-Lager in Stadt und Land Salzburg. Er half der Untergrundorganisation Bricha bei der Organisation der illegalen Flucht Tausender Juden nach Palästina. Von der Landesregierung "erpresste" er dazu Lastautos für den Transport. "Als sie mir keine geben wollten, habe ich gesagt: Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder ich bekomme die Lastautos, oder die Juden bleiben da", erzählte er einmal. Der erste Konvoi bestand aus sechs Lkw.

Feingold bringt "Wiener Moden" nach Salzburg

Als die Flucht über den Brenner von den Alliierten unterbunden wurde, war Feingold an der Suche nach einer Alternativroute beteiligt. Im Sommer 1947 flohen 5.000 jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa zu Fuß über den Krimmler Tauern, um von Italien aus in Richtung Palästina auszuwandern. Seit 2007 erinnert die jährliche Überquerung "Alpine Peace Crossing" an das Ereignis. Ebenfalls 1947 kaufte Feingold im Auftrag der Bricha alte Boiler und Waschmaschinen auf, in denen - wie er erst später erfuhr - Waffen nach Palästina geschmuggelt wurden.

1948 eröffnete er in Salzburg das Geschäft "Wiener Moden", das er bis zu seiner Pensionierung 1977 führte. Er heiratete und ab 1979 leitete er die Israelitische Kultusgemeinde in Salzburg, die heute noch wenige Dutzend Mitglieder umfasst. Immer mehr wurde parallel dazu der Kampf gegen das Vergessen zur Lebensaufgabe. Feingold hielt mehr als 6.000 Vorträge vor Schulklassen - und zeigte sich über das oft fehlende Wissen der Jugendlichen bedrückt. "Es wird in Schulen nicht ausreichend über Rechtsradikalismus unterrichtet."

Im Herbst 2013 wurde Feingold zum Protagonisten des dutzendfach aufgeführten Zeitzeugenprojekts "Die letzten Zeugen" des Wiener Burgtheaters. Wenige Monate später besuchte er - damals schon 100-jährig - einen 21-Jährigen im Gefängnis, der wegen NS-Schmierereien und der Beschädigung der jüdischen Synagoge in Salzburg in U-Haft saß. Der angeblichen Läuterung des jungen Mannes stand er durchaus skeptisch gegenüber. Dabei pflegte Feingold zeitlebens einen charmanten Schmäh. Als ihn der frühere Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser einmal nach dem Geheimnis seines langen Lebens fragte, antwortete er: "Suchen Sie sich eine jüngere Frau." Feingolds zweite Gattin Hanna ist 35 Jahre jünger als er.

"Nationalsozialisten waren verirrte Menschen"

Hass und Verbitterung schienen ihm trotz der schlimmen Erfahrungen in den Konzentrationslagern fremd. "Die Nationalsozialisten waren verirrte Menschen", sagte er einmal in einem Interview. Den vielen muslimischen Flüchtlingen, die es nach 2015 auch nach Salzburg verschlug, begegnete Feingold allerdings mit Skepsis. Er fürchtete, dass mit ihnen antisemitische Ressentiments zurückkehren.

(Quelle: SALZBURG24/APA)

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