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30 Jahre Mauerfall

Ostdeutschland hinkt dem Westen weiter nach

Am Samstag jährt sich zum 30. Mal der Fall der Berliner Mauer, der wesentlich zur Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 beigetragen hat. Laut dem Wirtschaftsexperten Stefan Legge von der Universität St. Gallen ist Ostdeutschland ein Beispiel dafür, wie fehlgeleitete Wirtschaftspolitik langfristige Schäden verursacht. Denn auch heute noch stehen Ostdeutsche ökonomisch hinter Westdeutschen.

Fast alle Teile Westdeutschlands liegen laut Legge beim Pro-Kopf-Einkommen - bereinigt um Preisunterschiede - über dem EU-28-Durchschnitt. Aber fast ganz Ostdeutschland liege darunter. Das Pro-Kopf-BIP in Ostdeutschland betrage noch immer nur drei Viertel des westlichen Niveaus, und keines der im DAX gelisteten Unternehmen habe seinen Sitz im Osten. Zudem hatten 2018 laut einer Studie der "Welt" nur 17 unter den Top-500 der deutschen Unternehmen ihren Firmensitz in einem der fünf Ost-Länder (ohne Berlin).

Wiedervereinigung: Wirtschaftliche Anpassung unterschätzt

Nach der Wiedervereinigung hätten viele deutsche Politiker die notwendige wirtschaftliche Anpassung unterschätzt, um neben einer politischen auch eine "wirtschaftliche Wiedervereinigung" zu erreichen. Notwendig wäre zum Beispiel gewesen, bürokratische Hürden abzubauen und qualifizierte Fachkräfte anzuwerben, wie Legge im APA-Interview sagt. Stattdessen sei es zu einer starken Abwanderung von Talenten gekommen, ein "Braindrain" war die Folge.

Zusätzlich kam es laut Legge durch den Wechselkurs von Ost-Mark zu Deutscher Mark, bei dem die Ost-Mark zu hoch eingestuft wurde, und durch den raschen Anstieg der Löhne zu einer deutlich geschmälerten Wettbewerbsfähigkeit Ostdeutschlands. Diese Schritte hätten damals "politisch attraktiv" gewirkt, hatten aber zur Folge, dass die Produktionskosten im Verhältnis zur Produktivität zu schnell stiegen. Teilen Westdeutschlands war das allerdings gar nicht so unrecht, denn so konnte eine "Billiglohn-Konkurrenz" im eigenen Land verhindert werden. Auch die Aussicht auf eine schnelle Angleichung der Lebensverhältnisse und die wenigen Investitionen im privaten Sektor seien aus ökonomischer Sicht nicht sinnvoll gewesen.

Zwei Billionen Euro in den Osten investiert

Neben dem Faktum, dass bestimmte Mechanismen wie der Wechselkurs nicht anders vorgenommen werden hätten können, identifiziert Legge aber auch eine "Henne-Ei-Problematik": Wenn es keine guten Unternehmen gibt, gibt es auch keine guten Fachkräfte, und umgekehrt. Wie sehr man dieser Problematik entgegen steuern hätte können, lässt sich laut Legge heutzutage nicht gesichert sagen. Aber eine "konzentrierte Förderung von Forschung und Bildung" und eine Investition in ostdeutsche Universitäten wären essenziell gewesen.

Die wichtigste Erkenntnis ist dem Experten zufolge, dass eine florierende Wirtschaft mehr braucht als Subventionen. Denn diese erhielt Ostdeutschland im Lauf der Zeit genug. Westdeutschland hat laut Legge von 1990 bis heute schätzungsweise zwei Billionen Euro in Ostdeutschland investiert, die es natürlich auch selbst verwenden hätte können. Eine im American Journal of Political Science veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2014 kam zu dem Schluss, dass das Pro-Kopf-BIP in Westdeutschland im Jahr 2003 ohne Wiedervereinigung um rund zwölf Prozent höher gewesen wäre. Nichtsdestotrotz waren die Subventionen nötig, um Sozialversicherungen und Infrastruktur in Ostdeutschland auf westdeutsches Niveau zu bringen.

Ostdeutschland oft unterrepräsentiert

Legge sieht folgende Schritte als maßgeblich, um die wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland heutzutage zu fördern: Das Bildungssystem auf Schul- und Universitätsebene verbessern, um einer weiteren Abwanderung von qualifizierten Kräften entgegenzuwirken, und den Ost-Ländern Autonomie und Eigenverantwortlichkeit einräumen. Denn deutsche Bundesländer und Gemeinden haben laut Legge nur begrenzt Möglichkeiten für autonome Steuerpolitik. Auch regulatorisch sei der Spielraum für ostdeutsche Bundesländer beschränkt. Hingegen gebe es in der Bildungspolitik auf Landesebene viel Entscheidungskompetenz, die auch für die Ausbildung und Anziehung von Fachkräften genutzt werden sollte.

Die wirtschaftliche Komponente hat auch Auswirkungen auf das Leben der Menschen, die sich oftmals als "Bürger zweiter Klasse" sehen. Das rühre daher, dass Ostdeutschland - sei es im Mediensektor oder in der Fußballbundesliga - oftmals unterrepräsentiert sei. Insgesamt hat es allerdings laut Legge in wichtigen Wohlstandsindikatoren "markante Verbesserungen" gegeben, etwa hinsichtlich einer weitgehenden Angleichung der Lebenserwartung.

(Quelle: APA)

Aufgerufen am 22.11.2019 um 06:11 auf https://www.salzburg24.at/news/welt/30-jahre-mauerfall-ostdeutschland-hinkt-dem-westen-weiter-nach-78937807

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