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Debatte entbrannt

Olympische Spiele vor Verschiebung?

Japans Ministerpräsident meldet sich zu Wort

Binnen vier Wochen soll eine Entscheidung über Spiele stehen
Die Entscheidung über die Olympischen Spiele liegt beim IOC, der Druck auf die Organisation war zuletzt gewachsen.

Die Anzeichen für eine historisch einmalige Verschiebung von Olympischen Sommerspielen wegen der Coronavirus-Pandemie mehren sich. Nachdem sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Sonntag selbst einen Vier-Wochen-Zeitraum für die Entscheidung gegeben hatte, sprach auch Japans Premierminister Shinzo Abe von einer Verschiebung der Sommerspiele in seinem Land.

Vor dem Parlament in Tokio sagte er am Montag, dass damit gerechnet werden müsse. Von einer Absage könne aber keine Rede sein. "Es ist schwierig, Spiele unter diesen Umständen abzuhalten, wir müssen über eine Verschiebung entscheiden, wobei die Gesundheit der Athleten oberste Priorität hat", erklärte Abe.

Olympia: Druck auf IOC erhöht

OK-Präsident Yoshiro Mori sagte auf einer Pressekonferenz, dass man noch nicht beschlossen habe, die Spiele zu verschieben, es aber als realistische Option betrachten müsse. "Ich bin nicht so dumm, darauf zu bestehen, dass die Olympischen Spiele wie ursprünglich geplant verlaufen." Man werde die IOC-Entscheidung akzeptieren.

Kanadas Olympisches Komitee (COC) erhöhte den Druck auf das IOC weiter und gab als erstes Land bekannt, dass man in diesem Sommer auf eine Entsendung von Sportlern verzichten werde. Die "schwierige Entscheidung" sei mit Zustimmung von Sportverbänden und der kanadischen Regierung getroffen worden, hieß es. "Das ist kein Boykott", sagte ein Sprecher.

Athleten sprechen sich für Absage aus

Für die kanadische Entscheidung gab es viel Zuspruch. Hayley Wickenheiser, mehrfache Eishockey-Olympiasiegerin und Mitglied der Athletenkommission des IOC, hatte sich bereits vor Tagen für eine Olympia-Absage ausgesprochen. "Ich bin sehr stolz heute", betonte sie nach Kanadas klarem Statement. Aktive Sportler stimmten ihr zu. "Schwierige Entscheidung, aber die richtige", erklärte Tennisprofi Vasek Pospisil. Unterstützung kam auch aus den USA. "YESSSSSS CANADA!!!!!!! ... Hoffentlich sind die USA die nächsten", hoffte Leichtathletin und Bobfahrerin Lolo Jones.

Als nächste Nation reihte sich allerdings Polen ein, das Nationale Olympische Komitee forderte das IOC auf, die Spiele zu verschieben. Die Zahl der Covid-19-Infektionen würde steigen und die Trainingsbedingungen in Polen limitiert seien. Auch Australien geht in diese Richtung: Im Nationalen Olympische Komitee erklärte man bereits, dass sich australische Athleten auf Sommerspiele 2021 einstellen sollen.

Verlegung um ein Jahr?

Derzeit sind die Spiele für den Zeitraum vom 24. Juli bis 9. August 2020 eingeplant. Eine Verschiebung wäre eine monumentale Entscheidung und ein massiver Eingriff in den komplexen Kalender des Weltsports. Denkbar ist eine Verlegung in den Herbst 2020, auf Sommer 2021 oder auf 2022. Gegen 2022 spricht, dass im Februar die Winterspiele in Peking und im November und Dezember die Fußball-WM in Katar stattfinden.

Am wahrscheinlichsten dürfte die Verlegung um ein Jahr sein. Im Sommer 2021 sind aber zum Beispiel die Weltmeisterschaften der Schwimmer in Fukuoka und die der Leichtathleten in Eugene vorgesehen. World Athletics diskutierte bereits mit dem Organisationskomitee "Oregon 21". Die WM-Organisatoren hätten versichert, mit ihren Partnern und Interessenvertretern über einen alternativen Termin zu beraten. "Olympische Spiele im Juli dieses Jahres sind weder machbar noch wünschenswert", fand Sebastian Coe, der Chef von World Athletics, klare Worte.

IOC schließt Komplett-Absage aus

Die selbst gesetzte Deadline von vier Wochen gab das IOC nach einer Telefonkonferenz des Exekutivkomitee bekannt und schloss gleichzeitig eine Komplett-Absage aus. Der Druck bezüglich einer Entscheidung war zuvor immer größer geworden. Neben vielen Athleten hatten sich auch der Schwimm- und der Leichtathletikverband der USA für eine Verlegung ausgesprochen. Die USA haben großes Gewicht, weil der dort übertragende Sender NBC so viel Geld für die Übertragungsrechte an das IOC bezahlt wie sonst keine Fernsehstation der Welt.

IOC-Chef Thomas Bach war erst am Sonntag von seiner Linie abgerückt, er hatte zuletzt immer betont, dass bis zu den Spielen noch lange Zeit und eine Verschiebung kein Thema sei. "Menschenleben haben Vorrang vor allem, auch vor der Austragung der Spiele. Das IOC will Teil der Lösung sein", zeigte der 66-Jährige nun Einsicht.

Scharfe Kritik aus Deutschland

Er wünsche sich, dass die Hoffnung, die so viele Athleten, Nationale Olympische Komitees und internationalen Verbände aus allen fünf Kontinenten geäußert hätten, erfüllt werde. "Dass am Ende dieses dunklen Tunnels, durch den wir alle gemeinsam gehen, ohne zu wissen, wie lange er noch dauert, die olympische Flamme ein Licht sein wird."

Die Sportausschuss-Vorsitzende des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag, kritisierte die nun gesetzte Vier-Wochen-Frist im Interview des HR-Inforadios scharf. "Ich finde die Entscheidung respektlos gegenüber den Athletinnen und Athleten und angesichts der Lage auf der Welt verantwortungslos." Diese Hinhaltetaktik produziere "einen massiven Vertrauensverlust" und zeige "ein eklatantes Führungsversagen". Herrn Bach würden die Athleten davonlaufen, das Produkt Olympia stehe auf dem Spiel.

Historische Entscheidung steht womöglich bevor

Eine Olympia-Verschiebung wäre eine historische Entscheidung. Eine Absage gab es in der Vergangenheit dagegen schon einige Male. Im Ersten Weltkrieg wurden die Sommerspiele 1916 (Berlin), im Zweiten Weltkrieg die Sommerspiele 1940 (Tokio) und 1944 (London) sowie die Winterspiele 1940 (Cortina d'Ampezzo) und 1944 (Sapporo) gestrichen.

Der Fackellauf durch Japan soll am Donnerstag beginnen. IOC-Präsident Bach will die Entscheidung dem Organisationskomitee überlassen, das bereits erklärte, wie geplant daran festzuhalten. Fußball-Teamspielerin Nahomi Kawasumi zog ihre Teilnahme allerdings zurück. Die Weltmeisterin von 2011 wolle nicht riskieren, sich oder jemanden anders mit dem Virus anzustecken.

Drei Szenarien für Olympia-Verschiebung

Eine Verschiebung erscheint unausweichlich, folgende Szenarien sind denkbar:

  1. Die Olympischen Spiele werden in den Herbst verschoben. Von den klimatischen Bedingungen wäre das ohnehin die beste Variante, hatte es doch schon große Kritik an dem Sommertermin wegen der großen Hitze in Tokio gegeben. Doch ob sich die Corona-Krise nur wenige Monate nach dem derzeitigen Termin (24. Juli bis 9. August) tatsächlich gebessert hat, erscheint fraglich. Auch dürften die zahlungskräftigen TV-Sender aus den USA kaum damit einverstanden sein, da in dieser Zeit die großen amerikanischen Ligen (NFL, NBA und NHL) wieder im Spielbetrieb sind.
  2. Das Event wird ähnlich wie die Fußball-EM um exakt ein Jahr verschoben, also weiterhin im Sommer stattfinden. Diese Variante gibt dem IOC und den Veranstaltern alle Zeit, das Virus sollte bis dahin eingedämmt sein. Allerdings müsste der Sportkalender stark angepasst werden. Im Sommer 2021 sind zum Beispiel die Weltmeisterschaften der Schwimmer in Fukuoka/Japan und die der Leichtathleten in Eugene/USA vorgesehen.
  3. Olympia wird auf 2022 verschoben. Der Termin hätte den Vorteil, dass genügend Zeit bliebe, den Sportkalender anzupassen. Aber Winter- und Sommerspiele in einem Jahr wären für das IOC vermutlich kaum zu stemmen. Und Ende 2022 findet auch noch die Fußball-WM statt.
(Quelle: Apa/Ag.)

Aufgerufen am 09.04.2020 um 03:16 auf https://www.salzburg24.at/sport/sportwelt/coronavirus-olympische-spiele-2020-vor-verschiebung-85261735

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