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Unglück vor 20 Jahren

Erinnerungen an Galtür-Katastrophe

"Die Narben werden bleiben"

Galtür im Paznauntal – ein Ort, der für immer auch mit einer der größten Lawinenkatastrophen der jüngeren Geschichte verbunden wird. "Es war die Stunde Null", erklärte Anton Mattle, damals wie heute Bürgermeister der Gemeinde, 20 Jahre nach der Tragödie. Doch aus der Verwüstung, die die Jahrhundert-Lawine am 23. Februar 1999 hinterließ, erwuchs Demut, Menschlichkeit und Zusammenhalt.

Anton Mattle blickt ins Leere, hat Tränen in den Augen, als er sich erinnert. An jenen Moment, von dem an sein Leben und das seiner Mitbürger nicht mehr dasselbe war wie vorher. Nicht mehr dasselbe sein konnte. Denn die Narben würden bleiben. "Es war gegen 16 Uhr, am 23. Februar 1999. Ich sitze gerade in meinem Büro im Gemeindeamt. Plötzlich wird es finster. Der Staub der Lawine hat sich an die Fenster gepresst. Es war plötzlich eine Stimmung wie in der späten Dämmerung. Für mich und für viele Einheimische war es ein Signal, dass plötzlich eine Lawine abgegangen ist. Ich laufe hinaus bis zur Pfarrkirche. Dort sah ich schon den Schnee von der Lawine auf der Straße. Daraufhin hab ich die Sirene und den Alpinnotruf ausgelöst", ließ Mattle die Momente der großen Ungewissheit, der bedrückenden Leere, vor seinem geistigen Auge Revue passieren.

Hoffnung auf besseres Wetter

Bei allem plötzlichen Schrecken und Entsetzen - es war auch die Entladung einer einschnürenden Drucksituation, die sich über Wochen aufgebaut hatte - trotz einer relativ entspannten Stimmung, die laut Mattle trotz des "Eingesperrtseins" vorherrschte. Massive Schneefälle hatten die Nerven der Betroffenen gehörig strapaziert, seit Anfang Februar war Galtür immer wieder, wie zahlreiche andere Orte auch, de facto von der Außenwelt abgeschnitten, Straßen mussten gesperrt werden. Eine Sitzung der Lawinenkommission hatte die nächste gejagt. Einheimische und Urlauber saßen fest. Schnee und Sturm ließen keine andere Wahl. Mittendrin und doch in der Letztverantwortung allein: Der Bürgermeister.

Erinnerungen an Galtür APA

Unmittelbar vor der ultimativen Katastrophe schöpfte man wieder Hoffnung, sah das Licht am Ende des Schnee-Tunnels. "Das Credo einen Tag vor dem Unglück war: Wir sitzen alle im Boot. In zwei Tagen wird das Wetter wieder gut sein", so Mattle im Rückblick. Man habe das Gefühl gehabt, das Gröbste bereits hinter sich zu haben, kurz vor dem Ende der bedrückenden Wettersituation zu stehen.

Ein Tag verändert alles

Das Schicksal wollte es anders. Dabei habe man geglaubt, man sei sicher, wenn nur die Straßensperren von allen Beteiligten beachtet werden, sagte der Bürgermeister. Auf Letzteres habe er stets gedrängt - in den Tagen vor dem Tag, der alles veränderte. Und dann donnerte diese Jahrhundertlawine zu Tal - in einen Bereich, vom dem man geglaubt habe, er sei sicher. In den Ortsteil Winkl, in eine sogenannte "grüne Zone". Historische Daten, Gutachten, Simulationen, Rechenmodelle - alle auf grausamste Art und Weise widerlegt von einem Natureiereignis. "Ausgerechnet dieser Bereich wurde immer als gefahrenfreier Bereich dargestellt. Niemand hat damit gerechnet und konnte damit rechnen", haderte Mattle auch noch 20 Jahre danach.

Mehrere Menschen verschüttet

Die Minuten nach der Tragödie, das natürliche Chaos, das verzweifelte Suchen nach Überlebenden, die Hoffnung sie zu finden, die Ungewissheit wie viele Menschen unter den Schneemassen liegen, wie groß das Ausmaß der Katastrophe ist. Schlimme Momente, die Anton Mattle nicht vergessen kann. Gegen 18 Uhr habe man dann bereits die Gewissheit gehabt, dass "30 bis 40 Menschen" vermisst werden.

Erinnerungen an Galtür APA

Rund 25 Verschüttete konnten noch am Dienstag gerettet werden. Einheimische und Urlauber - auf sich alleingestellt, weil erst Mittwochfrüh aufgrund der Witterungsverhältnisse die Helfer von außen nach Galtür vordringen konnten. Schlaflosigkeit, Angst, Erschöpfung, Hader, Verzweiflung, Ausnahmezustand.

Alle Augen blicken auf Galtür

Mit Mittwochfrüh rollte dann eine Rettungs- und Evakuierungswelle in Österreich noch nie gekannten Ausmaßes an. Der 765 Seelen-Ort im Fokus der Weltöffentlichkeit. Tage, die an Intensität und Belastung nicht zu überbieten waren, sind und sein werden. Auch für Anton Mattle. Unvergessliche, niederschmetternde Momente. Wie jener, als ein Einheimischer in das Gemeindeamt kommt und ihm berichtet, dass er soeben seine Frau und seine schwangere Schwiegertochter tot in den Schneemassen gefunden habe. Tage des Grauens, die bis Samstag, den 27. Februar, andauerten. An diesem Tag wurde der letzte Tote geborgen. Der "Moment der absoluten Einsamkeit" setzte ein, so Mattle, die Zeit des Trauerns begann.

Unglück schweißt Gemeinschaft zusammen

Was lernt man aus dieser Tragödie fürs Leben, was bleibt? "Demut", antwortete Mattle. So gehe es ihm, so gehe es vielen Galtürern. Das Leben bekomme andere Wertigkeiten. "Man schätzt das wirklich wichtige im Leben wieder mehr. Beziehungen. Menschliche Begegnungen. Das bleibt", so der Ortschef.

Erinnerungen an Galtür APA

Geblieben sei auch die "Einheit", die den Ort immer ausgemacht habe. Und die das Unglück nur noch verstärkt habe. In diese "Einheit" bezieht Mattle auch die Gäste mit ein, die Galtür die Treue gehalten haben. Eine Delle bei den Tourismuszahlen in den Jahren danach habe überwunden werden können. Hin und wieder hadere man noch mit diversen medialen Berichten, die bei Lawinengefahr in den Alpen "jede Schneeflocke die fällt, sofort mit Galtür in Verbindung bringen".

Galtür: Eine Verbindung in Demut

Doch Galtür lebt. Und wird still gedenken. Jenen 31 Menschen, die am 23. Februar 1999 ihr Leben lassen mussten. Mit einem stillen Erinnerungsgottesdienst in der Pfarrkirche am Jahrestag der Katastrophe. Er rechne damit, dass auch viele Angehörige jener Urlauber daran teilnehmen werden, die zu Tode kamen, so Mattle. Wie sie es schon am zehnten Jahrestag taten. Die enge, emotionale Verbindung mit vielen von ihnen ist bis heute geblieben. Eine Verbindung in Demut.

(APA)

Aufgerufen am 22.03.2019 um 12:55 auf https://www.salzburg24.at/news/oesterreich/erinnerungen-an-die-galtuer-katastrophe-65879017

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