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Judo-WM: Ein vorhersehbares Desaster

Ein Gastkommentar von Spitzenjudoka Erich Ivinger zum dürftigen Abschneiden unserer Kämpfer bei den Weltmeisterschaften in Rotterdam.

An Ergebnisse wie bei der Judo-WM in Rotterdam werden wir uns gewöhnen müssen. Jedem, der sich nur ein kleines bisschen mit dem Judosport in Österreich auskennt, hat solche Ergebnisse (früher oder später) erwartet. Dass es schon 2009 passiert, mag den einen oder anderen vielleicht überraschen. Spätestens ab 2012 (voraussichtliches Karriereende von Sabrina Fizmoser und Ludwig Paischer) sind solche Ergebnisse “ganz normal”.

In den vergangenen Jahren profitierten wir von den Ergebnissen weniger Ausnahmeathleten. So besteht das Herrenteam seit Jahren defacto nur aus einer Person, dem Salzburger Ludwig Paischer. Bei den Damen hatten wir zwei Leistungsträgerinnen, wobei die eine, Claudia Heill, ihre Karriere bereits beendet hat. Die zweite Leistungsträgerin ist Sabrina Filzmoser. Solange zumindest einer aus diesem Erfolgstrio “am Stockerl stand” war die österreichische Judowelt in Ordnung.

Schön langsam gehen diese Judokarrieren ihrem Ende zu und das bei so mancher Medaille auch einiges an Glück mit im Spiel war, wird gerne übersehen. Wenn nun diese Sportler nicht mehr aktiv sind bzw. “einen schlechten Tag erwischen” oder einfach auch Pech haben dann ist Österreich international nicht konkurrenzfähig.

Jahrelang wurden erfolglose Sportler ohne Perspektive auf ÖJV-Kosten durch die Weltgeschichte geschickt, wurden Athleten, die Qualifikationsnormen regelmäßig deutlich verpassten, zu internationalen Großereignissen geschickt und wurden sportlich wertlose Wettkämpfe (z.B. mit zehn Teilnehmern in der Gewichtsklasse) als Norm für Titelkämpfe hergenommen. Namen gibt es zur Genüge: Franz Birkfellner (Innsbruck), Rupert Rieß (Pinzgau) oder Florian Rinnerthaler (Flachgau).

Jahrelang wurden talentiertere Sportler mit besseren Perspektiven nicht auf Wettkämpfe und Trainingslager geschickt, wurden nicht ins HSZ aufgenommen oder kamen nicht in den Genuss der Sporthilfe.

EINEN SPORTLER AUFZUBAUEN  DAUERT SEHR LANGE (mitunter 10, 15 Jahre) - IHN ZU RUINIEREN GEHT SEHR SCHNELL (wie ich aus eigener Erfahrung bestens weiß). Neben “normaler” Berufstätigkeit ist Hochleistungssport auf internationalem Niveau nicht möglich - als HSZ-Sportler (Profi) sehr wohl. Ein, zwei Jahre weg vom Geschäft, und schon ist die mögliche Karriere als Spitzensportler vorbei.

Auffallend ist, dass so mancher Verein einen besseren Draht zum Verband hat - so funktionieren HSZ-Verlängerungen und Nominierungen auch ohne sonderlichen sportlichen Erfolg problemlos. Und wenn ein Athlet alle möglichen und unmöglichen Wettkämpfe rund um den Globus bestreitet, ja dann bleibt auch die eine oder andere Platzierung/Medaille (bei schwach besetzten Wettkämpfen) hängen. In völliger Realitätsverweigerung werden diese Sportler dann zu Weltklasseathleten und Olympiahoffnungen hochgejubelt.

Auch in punkto Trainerverpflichtungen gelang dem ÖJV regelmäßig der berühmte “Griff in den Dreck”. So erwiesen sich der Ostdeutscher Frank Michael Friedrich und der Niederländer Ben Spijkers als ungeeignet für den Job eines Nationaltrainers. Es folgten vorzeitige Vertragsauflösungen und teure Zahlungen. Neben dem großen Schaden im Sportbereich entstehen so große Lücken im (nicht allzu großen) Sportbudget des Judoverbandes. Dafür werden die Jahresmarken (jedes Mitglied muss eine lösen) empfindlich teurer - also wie in der Bundespolitik: “Wir wirtschaften unzureichend … und erfinden halt eine neue Steuer.”

Allerdings glaube ich, der ÖJV ist im Moment trainermäßig gut aufgestellt, und dass die “Schlappe von Rotterdam” nicht auf die aktuellen Trainer sondern vielmehr auf vergangene und aktuelle Problem im Umfeld zurückzuführen ist.

Nennenswerte Ergebnisse im Nachwuchsbereich gab es auch schon lange nicht mehr. So dauerte es sieben Jahre, bis die männlichen Junioren eine Medaille bei EM oder WM gewinnen konnten. (Lupo Paischer gewann im Jahr 2000 jeweils Silber bei EM und WM; Michael Maier holte 2007 Bronze bei der Junioren-EM). Davor verging kaum eine Junioren-Meisterschaft ohne Medaillengewinne. Sogar Siegleistungen (Titel) hat es gegeben!

Anstatt schon damals hellhörig zu werden, schaffte es der damalige ÖJV-Nachwuchstrainer (Kurzzeit-Sportdirektor) und jetzige Salzburger Landestrainer Taro Netzer, jeden Misserfolg als Erfolg zu verkaufen. Und so mancher glaubte diese Dinge aufs Wort. Immerhin wimmelt es in Österreich von “Supertalenten”. Viele davon haben weder das nötige Talent noch wurde ihnen das nötige Grundgerüst für eine internationale Karriere in der Allgemeinen Klasse mitgegeben.

Was habe ich mir schon für wüste Beschimpfungen anhören müssen wenn ich sachlich und lange Zeit, ausschließlich in internen Gesprächen, auf diese Problematik hingewiesen habe.

Nachwuchsprojekte, um neue Mitglieder für den Judosport zu gewinnen werden von Verbandsseite nicht wirklich ernst genommen. Wann, wenn nicht nach dem Gewinn einer Olympiamedaille (2004: Silber durch Claudia Heill, 2008: Silber durch Ludwig Paischer) bietet sich der offensive Gang an die Öffentlichkeit besser an, um den Judosport einer großen Anzahl von Menschen bekannt und zugänglich zu machen. Vielleicht wäre sogar der “nächste Paischer” darunter gewesen.

Für Erwachsene ist der Judosport in Österreich schon fast verboten. Außer der Staatsmeisterschaft und der jeweiligen Landesmeisterschaften gibt es in diesem Bereich kaum Wettkämpfe. Die Bundesliga leidet unter massivem “Schwund” und richtige Landesligen gibt es kaum mehr.

Für vier oder fünf Ligarunden im Jahr geht kaum noch ein erwachsener Judoka regelmäßig ins Training und fehlt dementsprechend als Trainingspartner für den Nachwuchs – aber auch für die Leistungsträger. Oft habe ich den Eindruck, die Erwachsenen sollen gar kein Judo mehr machen, denn so kommen unsere ach so tollen “Nachwuchskämpfer”, aber auch so mancher Nationalteamkämpfer der Allg. Klasse zu Erfolgen. Aber Hauptsache wir schicken “ganze Herden” von Judokämpfern um teures Geld in der ganzen Welt herum, um Erstrundenniederlagen am laufenden Band zu sammeln.

Es wird wieder österreichische Judoerfolge zu feiern geben! Ein Ludwig Paischer und eine Sabrina Filzmoser wurden sicherlich unter ihrem Wert geschlagen und vielleicht können wir uns schon bei der Heim-EM 2010 in Wien über Medaillengewinne der beiden Athleten freuen. 

Aber eines dürfen wir auf keinen Fall übersehen: Hinter Paischer und Filzmoser klafft ein riesengroßes Loch, dass nur mit ungeheurem Aufwand zu stopfen sein wird und auch nur dann, wenn sich in Judo-Österreich so manches um 180 Grad dreht!

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 11.05.2021 um 01:22 auf https://www.salzburg24.at/archiv/judo-wm-ein-vorhersehbares-desaster-59624950

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